Druckschrift 
Galizien : ethnographische Erkundung bei den Bojken und Huzulen in den Karpaten ; Begleitbuch zur Jahresausstellung '98 im Ethnographischen Museum Schloß Kittsee vom 6. Juni bis 2. November 1998
Einzelbild herunterladen
 

Der zweite hier noch zu erwähnende Forscher ist der polnischePhilologe Lucian Malinowski. Malinowski( 1839-1898), der u. a. auch inWien studiert hatte, schrieb als Krakauer Professor der vergleichendenslawischen Philologie im Kronprinzenwerk" einen Beitrag über Diepolnischen Mundarten". Władisław Nehring, ein ethnographisch interes-sierter Slawist an der Breslauer Universität 24, hat Malinowski's,, Ethnographische Wanderungen in Schlesien" in einem Artikel über Dieethnographischen Arbeiten der Slawen" besonders hervorgehoben. Undin einer 1899 in der Zeitschrift für österreichische Volkskunde" gedrucktenRezension wurden Malinowski's Bemühungen um die Erforschung despolnischen Volksthums in Oesterreichisch- und Preussisch- Schlesien"ausdrücklich gewürdigt. 25 Doch interessant ist noch ein weiterer Punkt:Lucian Malinowski war der Vater des Ethnologen Bronisław Malinowski.26Justin Stagl hat auf diese österreichischen" Wurzeln aufmerksamgemacht, eine bislang nicht beachtete Spur in die österreichischeVolkskunde verdient aber zusätzlich Erwähnung: 1914 hat ArthurHaberlandt Malinowski's in London erschienenes Buch, The Family amongthe Australian Aborigines" für die Mitteilungen der AnthropologischenGesellschaft" besprochen. 27 Und: 1923 hat Bronisław Malinowski demWiener Volkskunde- Museum einen Besuch abgestattet.28

Schlußbemerkung: Der Osten ist nicht der Osten

Galizien ist vor allem durch seine jüdischen Schriftsteller in Erinnerunggeblieben. Josef Roth, der prominenteste unter ihnen, hat denUntergang der Monarchie retrospektiv und aus der Sicht der Grenze desReiches beschrieben. Dem aus Galizien stammenden Grafen Chojnickilegte er dabei die entscheidenden Worte in den Mund: Ich will damitsagen, daß das sogenannte Merkwürdige für Österreich- Ungarn dasSelbstverständliche ist. Ich will zugleich damit auch sagen, daß nurdiesem verrückten Europa der Nationalstaaten und der Nationalismendas Selbstverständliche sonderbar erscheint. Freilich sind es dieSlowenen, die polnischen und ruthenischen Galizianer, die Kaftanjudenaus Boryslaw, die Pferdehändler aus der Bacska, die Moslems ausSarajewo, die Maronibrater aus Mostar, die Gott erhalte singen. Aber diedeutschen Studenten aus Brünn und Eger, die Zahnärzte, Apotheker,Friseurgehilfen, Kunstphotographen aus Linz, Graz, Knittelfeld, dieKröpfe aus den Alpentälern, sie alle singen die Wacht am Rhein. Öster-reich wird an dieser Nibelungentreue zugrunde gehn, meine Herren! DasWesen Österreichs ist nicht Zentrum, sondern Peripherie. Österreich ist

52