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2 (1914) Werke der Volkskunst : mit besonderer Berücksichtigung Österreichs. 2.
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ganz der einer Monstranze¹. Dieser Umstand rückt es mehr von der Sphäreder hohen Kunst ab und in die des Kunstgewerbes und der Volkskunst hinein;hier darf unser Bildwerk aber sicher einen ersten Platz beanspruchen.

Frühhistorisches in der galizischen Volkskunst.

Von Dr. F. ADAMA VAN SCHELTEMA.

( Mit Tafel XXVII- XXVIII.)

Die Volkskunst der nördlichen und östlichen Karpathenabhänge, bis hin-unter nach der Bukowina und Rumänien, hat schon wiederholt das Interesseder Forschung durch überraschend altertümliche Züge erregt.

Im folgenden möchte ich auf einen eigentümlichen Fall der Übereinstim-mung von Zierformen aus der westgalizischen Volkskunst mit solchen aus früh-historischer Zeit aufmerksam machen. So sehr ich davon überzeugt bin, daßdie Forschung mit äußerster Nüchternheit und Sachlichkeit vorzugehen hat ge-genüber der romantischen Tendenz nach einem unveränderlichen urgermani-schen" Geist zu suchen in allen möglichen herbeigeschleppten Details dervolkstümlichen Kunst, so glaube ich doch, daß die Formenverwandtschaft, dieich hier im Auge habe, auch bei vorsichtigster Betrachtung noch genügendStoff zum Denken gibt.

Es handelt sich um eine, wie es scheint scharf lokalisierte, Gruppe vonMessingschmucksachen, die in der Studioausgabe der österreichisch- ungarischenBauernkunst abgebildet sind als Hemdschließen aus Zakopane. Diese Schnallenzeigen in einfachster Gestalt einen gegossenen flachen Ring mit dem Dornund einem höchst primitiven Glossar ::: zum Glossareintrag  primitiven aus Würfelaugen Kreis mit Punkt bestehen-den eingestanzten Ornament( Tafel XXVII, Fig. 6). Diese einfachste Form er-fährt nun aber eine Bereicherung durch eine Überfülle von rein ornamentalenAuswüchsen wie Knöpfen, Tierköpfen, einem kreuzförmigen Aufsatz usw. Dieursprünglich kreisrunde Öffnung kann herzförmig werden, oberhalb dieser Öff-nung können neue hinzutreten, unten entsteht ein durchbrochener Rand( ibid.,Fig. 3, 10, 12, 13, 15). Die Flächenornamentierung bleibt auf einfache Motivebeschränkt: Kreis mit Punkt, Stern, Halbkreis. In der Gesamtform ist unschwerdie Gestalt des Doppeladlers zu erkennen, sei es auch in stark abgeleiteterForm; die Bildung eines Schwanzes unten läßt darüber keinen Zweifel.

Was uns in erster Linie interessiert, sind die Tierköpfe. Es sind Vogel-köpfe in Seitenansicht mit starkem, gekrümmtem Schnabel und großem, in derMitte des Kopfes sitzendem und die ganze Kopffläche ausfüllendem, kreisrundemAuge mit Durchbrechung. Der Kopf wächst mit kurzgedrungenem, trapez-förmigem Ansatz aus dem Schnallenkörper hervor, der Schnabel krümmt sichihm wieder zu und verwächst leicht mit den benachbarten Knöpfen. Infolge-dessen kann es zur Bildung eines einzigen durchbrochenen Randes kommen( Tafel XXVII, Fig. 2, 5). Der Bogenfries in Tafel XXVII, Fig. 11, vielleicht auchdie durchbrochenen Ränder in Fig. 10, 12 usw. dürften aus einem solchen Ver-1 Als sachlichen Übergang kann man zwischen beiden Typen noch die im 17. und 18. Jahrhundert häufigenReliquiarien in Monstranzenform anführen.