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Trinitätsdarstellungen mit dem Dreigesichte.
Von Dr. KARL VON SPIESS.
( Mit Tafel XV- XVI und 15 Textabbildungen.)
Darstellungen der Trinität als eine Gestalt mit einem dreigesichtigenKopfe sind bereits von verschiedenen Völkern, aus verschiedenen Zeitläuftenstammend, bekannt. Es soll nun hier der Versuch gemacht werden, zunächsteinige derartige Darstellungen aus den Alpenländern, die sich zum Teile imBesitze des k. k. Museums für österreichische Volkskunde befinden, vorzuführen,da diese Bildwerke aus diesem Gebiete eine zusammenhängende Darstellungbisher nicht erfuhren, ferner eine Übersicht über die bisjetzt bekannten Bildwerke dieser Art zu geben und schließ-lich den Ursprung und die Bedeutung derselben in Er-wägung zu ziehen.
Fig. 20. Bemalte Holz-statuette aus Klein- Sölk( Steiermark) im Joanneum
zu Graz.
I. Beschreibung der Bildwerke.
Im Joanneum zu Graz befindet sich eine Holzstatuette( Fig. 20), darstellend die Trinität mit einem dreigesichtigenKopfe, die deshalb von besonderem Interesse ist, weil essich um eine Rundplastik handelt.
Das Bildwerk ist aus Lindenholz, ca. 17 cm hoch undstammt aus Klein- Sölk in Steiermark.
Die Trinität erscheint hier in der Gestalt eines Mannesvon mittleren Jahren mit den typischen Zügen Christi, je-doch mit dreigesichtigem Kopfe. Die Figur ist in knieenderStellung. Das linke Knie berührt den Boden, während derrechte Fuß sich senkrecht auf den Boden stützt. Der rechte Arm ist seg-nend erhoben, die Finger nehmen die entsprechende Stellung ein.
Die Maße der einzelnen Körperteile verraten den Bauernkünstler. Völligunproportioniert ist der Hals. Er ist viel zu lang. Der Kopf ist im Vergleichezum Rumpfe viel zu groß. Der Körper als solcher zeigt ganz gute Verhältnisse.Das gibt zu denken. Man hat bei eingehenderer Betrachtung den Eindruck,als wäre das Haupt bewußt um Vieles zu groß gehalten. Der Künstler wolltedoch die Dreieinigkeit darstellen. Auf den ersten Blick könnte man die Figuraber für eine Christusfigur halten. Um nun eine Verwechslung zu vermeiden,um auf das, worauf es bei dieser Darstellung vor allem ankommt, das Drei-gesicht, besonders hinzuweisen, hat der Künstler in seiner Naivität die Maßeungewöhnlich groß genommen. Mit der Darstellung des Körpers hat er jabewiesen, daß er den natürlichen Verhältnissen gerecht zu werden vermag.
Wenn man diesen dreigesichtigen Kopf von vorne betrachtet, so bestehter eigentlich aus einem Kopfe in Vorderansicht und zwei Köpfen in Dreiviertel-Profil. Der Kopf in Vorderansicht gibt dem seitlichen das eine Auge. Derseitliche besitzt Mund und Nase für sich. Der dreigesichtige Kopf hat mithinvier Augen, drei Nasen und auch den Mund in der Dreizahl.
Das Gesicht zeigt derb bäuerliche Züge, die sichtbaren Backenknochengeben ihm einen abgearbeiteten Ausdruck. Lippen und Backen sind glatt.