Die Holzschnitzerei im Grödener Tale.
Von Dr. A. HABERLANDT, Wien.
( Mit Tafel I- XIV und 19 Textabbildungen.)
Kaum irgendwo reicht die schöpferische Gestaltung in der Volkskunstund ihren Werken so unmittelbar auch an das Verständnis des Laien heranwie in den Hausindustrien, diesem Schatz durch tausendfältige Wiederholunggeläuterten und auf das wesentlichste re-duzierten künstlerischen Könnens undBesitztums unseres Volkes. Ob Stickereioder Weberei, Schnitzerei oder Flecht-arbeit, hier war jeder Handgriff durch-dacht, das Material erprobt, die Arbeits-leistung des einzelnen wie die Arbeits-teilung mehrerer auf das ökonomischesteeingeteilt und trotz der Flinkheit derArbeiter konnten wir bewundern, wiegleichförmig stete Übung von Auge undHand die Erzeugnisse emsigen Fleißesgestaltete. Heute freilich ist es schon viel-fach anders geworden; wer kennte nichtden Jammer, der unsere Hausindustrienwirtschaftlich wie künstlerisch bedrückt,der ihre Werke entwertet oder auchüberhaupt vernichtet! Er liegt begründet
Fig. 1. Schaf in verschiedenen Stadien der Vollendung.Modernes Erzeugnis. Wolkenstein.
das sei hier gleich vorweg genommenI soweit es an der materiellen Unter-stützung nicht gefehlt hat, an der gänz-lichen Nichtbeachtung des oben flüchtigangedeuteten Erfahrungsschatzes, derbisher sich ruhig von Generation zu Generation fortgeerbt hatte und der sicheinem edlen Metall vergleichen läßt, das man schmieden, aber nicht umgießenkann; den Versuchen„, fördernder" Kreise, es zu tun, hat das Saldo ihrer Bestre-bungen schon in manchem Falle das Urteil gesprochen.
Mit erfreulicher Zähigkeit hat die holzverarbeitende HausindustrieGrödens bislang ihren seit fast zwei Jahrhunderten von den betriebsamenBewohnern des Tales ihr gesicherten Platz auf dem Weltmarkte zu behauptenvermocht, wozu gewiß die Art ihrer Erzeugnisse ein wesentliches beigetragenhat; dient sie doch Bedürfnissen und Zielen des Menschen, die dem Alther-gebrachten allezeit freundlich gesinnt waren, dem Schmucke der Kirchen unddem uralten Instinkten getreuen Spiele des Kindes.
Die Spielwaren sind und waren hier wie überall, mit Ausnahme der relativguten Tierschnitzereien, gewöhnliche Dutzendware, die aber der großen Mengeder Bewohner mehr Verdienst bietet als die höhere Begabung fordernde Bild-hauerei: an ihnen wird und wurde fast in jedem Hause des von grasigen Almenumrahmten Tales und der durch trotzige Dolomitmauern und-Türme abge-