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2 (1914) Werke der Volkskunst : mit besonderer Berücksichtigung Österreichs. 2.
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Ein Bildstock mit Darstellung der Klosterneuburger

Schleierlegende.

Von Dr. OSWALD MENGHIN, Wien.

( Mit Tafel XXIV XXVI und einer Textabbildung.)

Im Besitze des niederösterreichischen Landesmuseums befindet sich ein über-aus reizvoller volkskundlicher Gegenstand, der seines einzigartigen Charakterswegen eine etwas ausführlichere Besprechung rechtfertigt. Es ist ein Bildstockaus Holz, der in seiner Gesamtform nichts anderes ist, als eine plastischeDarstellung der Klosterneuburger Schleierlegende( Tafel XXIV). Erwurde im Altertumshandel mit der Ortsangabe Burgschleinitz erworben. Ob die-selbe richtig ist, muß ich dahingestellt sein lassen¹; daß das Stück aber nieder-österreichischer Herkunft ist, wird durch den Gegenstand der Darstellung sogut wie sichergestellt.

Der Bildstock ist nicht ganz 2 m hoch und gliedert sich in drei Hauptteile:den Sockel mit der Jagdszene, den Holunderbaum mit dem in den Ästenverschlungenen Schleier und in die davon umschlossene Bildnische, die zweifel-los eine Muttergottesdarstellung enthielt. Die heute darin befindliche Plastikgehört nicht zum ursprünglichen Bestande. Sie ist neueren Ursprungs, eineschlechte Arbeit und soll also hier nicht weiter in Rede stehen. Die Basisdes Sockelteiles ist ornamental gestaltet; sie besteht aus einer an beiden Eckennach vorn kräftig ausladenden, aber nur oben etwas profilierten Standplatte undeiner darauf ruhenden hübschen Akanthusblätterleiste. Über dieser beginnt die

naturalistische Darstellung des Waldbodens, aus dem derStrauch sprießt und auf dem sich die Jagdszene bewegt.Links kniet der heilige Herzog Leopold auf einer kleinenErhöhung, von der wunderbaren Erscheinung der Gottes-mutter ergriffen; zu ihm blickt, ebenfalls fast erstaunt underschreckt, ein Jagdhund auf; ein zweiter steht rechts undbellt wütend den Baum hinauf. Die ganze Szene ist außer-ordentlich lebhaft in der Bewegung, die Arbeit recht brav.Der dicke Stamm des Holunderbusches gabelt sich bald inmehrere starke Äste, deren zwei in der Mitte eine kleineNische bilden. Diese ist durch ein Glasfenster nach vorn ver-schlossen und von der rückwärtigen Seite des Bildstockes zuöffnen. Als Zierat und Aufbau liegt in der Nische, noch vordem Glase, in Holz geschnitten, ein goldenes Tuch; hinterdem Glasverschlusse, etwas höher gestellt, ragt aus einigenvergoldeten Wolkenflocken ein Gegenstand auf, den ich, seinerForm und roten Bemalung nach, nur als das Abbild einerZunge deuten kann( Abbildung 48). Ein tiefer Schnitt, der sich darin befindet,lehrt uns wohl, daß der ganze Bildstock als Votiv für Heilung einer schwer-

Fig. 48.

Votivzunge

( ,, Nepomukzunge")vom Bildstocke mitDarstellung derKlosterneuburger

Schleierlegende.

1 Pfarrer Joh. Matula von Burgschleinitz schreibt mir, daß er zwar keine Kenntnis von dem Verkauf einesderartigen Bildstockes in Burgschleinitz habe, es sei jedoch nicht unmöglich, daß ein solcher vorhanden gewesenwäre, da im nahen Reinprechtspolla, einer Pfarre des Stiftes Klosterneuburg, ein solcher Bildstock sich befinden soll.