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haben und in stark gemischtem, slavisiertem Zustand dort noch fortbestehen,ist eine Frage, worauf es hier keineswegs ankommt. Die Zakopaneköpfe sindes folgt aus dem Zusammenhang mit dem Doppeladler verhältnismäßigneu und ihre große Variabilität, die Tatsache, daß sie vor unseren Augen inAuflösung begriffen sind, läßt den Gedanken an eine Jahrhunderte lang fort-gesetzte Überlieferung nicht aufkommen. Auch kommt es mir vor, daß vonder Auffrischung, der„ Konservierung“ einer Tradition durch ein neues Motiv,in dem vorliegenden Fall nicht gut die Rede sein kann. Und besonders diesenPunkt, das Ausscheiden einer etwaigen direkten Tradition, möchte ich hervor-heben bei dem, worauf es mir hier anzukommen scheint. Das ist die Tat-sache, daß fast bis zur Identität ähnliche Formen und zwar ziemlich kom-plizierter Natur in der Kunst der Völkerwanderungszeit und der jetzigenBauernkunst auftreten können, zu erklären aus demselben Prozeß der rein-ornamentalen Umwandlung eines und desselben aus der höheren Kunst auf-gegriffenen Motives. Gewiß gibt es viele Fälle von wirklicher Überlieferungaus vor- und frühgeschichtlichen Zeiten. Die Hausforschung hat mit solchenFällen wiederholt zu tun, der Sagen- und Sittenforscher ist mit solcher un-mittelbaren Tradition vertraut. Und was die Volkskunst Galiziens anbelangt,so haben Al. Riegl und Luise Schinnerer auf die traditionelle Übermittelung,, antiker" Techniken in der Textilkunst der Ruthenen aufmerksam gemacht;in dem volkstümlichen Metallschmuck verschiedener osteuropäischer Gebieteweist A. Haberlandt Tradition aus vorgeschichtlichen Zeiten nach(„ Prä-historisches in der Volkskunst Osteuropas“, a. a. O.). In unserem Falle müßteman aber vielmehr reden von einer Art künstlerischer Wahlverwandtschaft,von einem ähnlichen Verhalten unter sehr ähnlichen Verhältnissen. Und esbraucht nicht besonders betont zu werden, daß gerade dieses in hohem Maßegeeignet ist, ein Licht zu werfen auf die tief bedeutsame Übereinstimmung inder künstlerischen Gesinnung der früh- und vorgeschichtlichen Entwicklungs-epochen mit der gewisser kulturell zurückgebliebenen Volksgruppen oder Volks-schichten unserer Zeit.
Ölbild mit Darstellung der europäischen Nationen.
Von Prof. Dr. M. HABERLANDT.
( Mit Tafel XXIX und einer Textabbildung.)
Das k. k. Museum für österreichische Volkskunde hat vor einiger Zeit ineiner Kunstauktion des k. k. Versteigerungsamtes ein hübsches Ölgemälde des18. Jahrhunderts mit Charakterisierung der europäischen Nationen erstanden, dasin diesen Tagen des schwersten europäischen Konfliktes erhöhtes Interesse ge-winnt. Das in Rede stehende Gemälde, dessen figuraler und malerischer Teilauf Tafel XXIX in Farben wiedergegeben erscheint, ist nach seiner ganzen Artund Anlage weder als ein Werk der hohen Kunst noch der Volkskunst anzu-sprechen; aber es hat als kulturgeschichtliche Illustration doch so viel geistigeVerwandtschaft mit verschiedenen sonst in der Volkskunst beliebten Serien-darstellungen( der Stände, Nationen, Berufe usw.), daß es berechtigt erscheinen