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2 (1914) Werke der Volkskunst : mit besonderer Berücksichtigung Österreichs. 2.
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Figurale Tonplastik aus Mähren.

Von Prof. JOSEF TVRDY, Wischau.

( Mit Tafel XXI- XXIII und 4 Textabbildungen.)

Der Zweck dieses Aufsatzes ist nicht, eine Geschichte der mährischen Ton-plastik zu schreiben. Dazu sind nämlich die notwendigen Vorarbeiten nochnicht getroffen, so daß wir bis jetzt noch nicht im stande sind, die vorhande-nen Tonarbeiten den verschiedenen Erzeugungsorten zuzuweisen. Nur dieKeramik von Wischau und Umgebung bildet eine Ausnahme, da sie aufarchivalischem Wege soweit aufgeklärt ist, daß man sich von ihrer Geschichteund Entwicklung eine annähernde Vorstellung machen kann.

Die Anfänge der selbständigen Tonplastik in Mähren stehen im engstenZusammenhange mit der Kachelkunst. Plastischer Schmuck kommt schon aufden unglasierten gotischen Kacheln vor. Wir finden an ihnen sogar schon diespäter in der Volksplastik so verbreitete Figur der Gottesmutter mit dem Jesus-kinde, die in der ganzen Körperhaltung große Verwandtschaft mit den byzan-tinischen Madonnen zeigt¹. An den Renaissancekacheln sind die plastischenMotive bereits vermehrt worden und zu den schon in der Gotik üblichen re-ligiösen und weltlichen Figuren erscheint besonders die Darstellung des Reichs-adlers und der Wappen verschiedener Herren hinzugefügt. Die bekanntestensind die in Wischau erzeugten erzbischöflichen Wappen, die in bunten Farbenausgeführt sind und durch die Form des ovalen Lorbeerkranzes den italienischenEinfluß verraten.

Die älteste mir aus Mähren bekannte selbständige plastische Tonfigur- sieist eine kleine Figur der Himmelskönigin mit dem Jesuskinde, welche sich imWischauer Museum befindet³. bezeugt durch ihre reliefartige Form, daß sienur eine Weiterentwicklung der Kachelplastik ist. Auf der flachen Rückwandträgt diese Figur die eingekratzte Jahreszahl 1678. Sie fällt also in die Zeitder größten Blüte der Wischauer Kachelhafnerei und zeigt, daß die WischauerHafner, die in der Ofenerzeugung höheren Stils bewandert waren und die ver-schiedene bunt glasierte Kacheln nach den überlieferten Renaissanceformen fürdie Schlösser( Chropyn) erzeugten, wenn sie selbständig arbeiteten, echte Werkeder Volkskunst hervorbrachten. Daß die Erzeugung dieser Figur den WischauerHafnern mit Sicherheit zugeschrieben werden kann, bekräftigt der Umstand,daß sie aus demselben rötlichen Tone wie die im Wischauer Rathause be-findliche Kachel aus dem Jahre 1668 hergestellt ist. In der Farbentechnik unter-scheidet sie sich jedoch von der Kachel, da sie, anstatt der farbigen Glasuren,mit kalten Emailfarben bemalt ist. Diese Technik, die bei den Kacheln nichtüblich war, ist gewiß von der Glasmalerei auf die Tonwerke übertragen worden.Die Figur( Tafel XXI, Fig. 6) ist eigentlich ein Anhängebild; es zeigt dasältere Motiv der Himmelskönigin, das noch den strengen Charakter der Vor-renaissance trägt. Sie sitzt auf dem nur mit einem Quadratwändchen rückwärts

1 Im Wischauer Museum befindet sich eine solche Kachel aus der Burgruine Melice, die anderthalb Stun-den von Wischau entfernt ist.

2 Die Abbildung findet sich in meinem tschechisch verfaßten Artikel Vyškovská keramika a její vyvoj".Národopisny věstník českoslovansky. VI. 1911. Príl. 1., auch im Katalog vystavy vyškovské keramiky".3 Die Figur wurde auch in Wischau gefunden.

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