I. Entstehung und Psychologie des Tatauierens.
Unter Tatauieren* versteht man das Einbringen von Farb-stoffen in die Haut auf mechanischem Wege zum Zwecke, dortmöglichst unvergängliche Zeichen hervorzubringen.
Bei der Betrachtung tatauierter Menschenhaut eröffnet sicheine Reihe von Fragestellungen über den Ursprung und tiefe-ren Sinn, sagen wir über die Psychologie dieser eigenartigenSitte. Wie kommen die unzivilisierten Völker und vor allemmoderne Menschen dazu, sich durch schmerzhafte Prozedurenunvergängliche farbige Bilder in die Haut sticheln zu lassenund welche Gedankengänge liegen den einzelnen so mannig-fachen Formen dieser Sitte zugrunde?
Man wird bei näherem Eindringen in diese Fragen baldgewahr, wie unangängig es ist, die Sitte nur beim modernenEuropäer oder aber nur bei den Eingeborenen der Südseeinselnzu studieren. Hier wie dort sind es vielfach dieselben Trieb-federn, die zum Tatauieren treiben, manches wird uns beimtatauierten Europäer verständlich durch die Sitten der Ein-geborenen, und umgekehrt werfen zahlreiche Gebräuche dermodernen Gesellschaft erhellende Lichter auf die Tatauier-sitten der unzivilisierten Völker, die uns sonst vielleicht dunkelund unverständlich bleiben würden. Ein solcher Vergleich
* Die Bezeichnung kommt vom Wort tatau, das der englische Südsee-fahrer Cook von der Insel Tahiti nach Hause brachte. Die genaue Bedeutungdes Wortes ist zwar noch nicht völlig abgeklärt und es bestehen Meinungs-verschiedenheiten hierüber zwischen Cook, Tregear, Wuttke und Krämer.Sicher ist aber, daß es auf mehreren Inseln der Südsee zur Bezeichnungder in Frage stehenden Operation gebraucht wird. Die Schreibart im Deut-schen ist verschieden und schwankt zwischen Tatuirung, Tättowierung,Tätowierung, Tatauierung, welcher Ausdruck zweifelsohne der richtige istund sich in der wissenschaftlichen Literatur immer mehr einbürgert. DerEinheitlichkeit halber wurde diese Schreibart auch in den Zitaten, mit Aus-nahme des Literaturverzeichnisses, konsequent durchgeführt.