Heft 
59 (2024) 4
Seite
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26L IE B L IN G S O B JE K TAlle Kinder fürchten sich vor...Zotteliges, dunkles Fell, zwei aus dem Kopfragende Hörner und eine lange ausge-streckte Zunge. In alpenländischer Traditionist er als furchterregender Begleiter desheiligen Nikolaus bekannt: der Krampus.Allein in den verschiedenen RegionenÖsterreichs trägt er viele Namen, nebenanderen:Kramperl,Bartl,Miglo,TuifloderGanggerl. Krampus- und Perch-tenläufe sind nicht nur am 5. Dezember,dem Krampustag, sondern in der gesamtenVorweihnachtszeit verbreitet. Wie kannman sich nicht fürchten vor den teuflischenWesen mit gehobener Rute und boshafterGrimasse?Der Krampussammler Otto Forst-­Battagliasah den Krampus mit etwas anderenAugen. 1889 in Wien geboren, widmete sichForst-Battaglia hier und in Bonn juridischenund historischen Studien. 1915 promovierteer an der Rheinischen Universität Bonn zumDoktor der Philosophie. Als freier Schrift-steller arbeitete er in Wien und Paris. Inder Nachkriegszeit ging er unter anderemLehraufträgen an der Universität Wien nach,seine Schwerpunkte: polnische Geschichteund Genealogie.Mit Interesse an folkloristischen Kultur-phänomenen sammelte Otto Forst-BattagliaKrampusfiguren. MitEin Wiener Gelehrterlebt im Krampusreich ist ein Artikel überseine Sammlung in der Tageszeitung DiePresse von 1959 betitelt. Mit Leidenschaftund Zuneigung umgab sich Otto Forst--Battaglia mit den für ihn nicht so schreck-haften Gestalten. Der Enkelsohn, JakubForst-Battaglia, der die Sammlung 2024 andas Volkskundemuseum Wien übergab,teilte schon als Kind diese wohlgesinnteHaltung und lernte dieKrampussprachemit seinem Großvater, in der alle Krampusseden NamenZyrill Mew, übersetztguterGebieter, tragen.Dass der Krampus keine diabolischeFurchtfigur sein muss, zeigt eines meinerLieblingsobjekte aus der Sammlung, die Figurmit der Inventarnummer ÖMV/90.165. In den1960er-Jahren produziert, trägt die Figurzwar einige typische Krampusmerkmale,zeigt sich aber als wohlwollendes Wesen:Das Gesicht mit lieblichem, neugierigemAusdruck, der Mund zu einem Lächeln auf-gemalt, rote Bäckchen und lange Wimpernum die Augen. Und trotz Machart wie einKuscheltier, ist der Krampus ausgestattetmit den Attributen, die die Kinder fürchten:Frech streckt er seine lange rote Zunge aus,in der linken Hand hält er die Zweigrute zurZüchtigung und zu seinem rechten Beinsteht die Butte, in der die bösen Kinderlaut Legende verschwinden. In der Buttetragen Krampusse aber tatsächlich Süßig-keiten herbei.Am Tag des heiligen Niko-laus, dem 6. Dezember, erschienen sie alsfrohbegrüsste Gäste, schreibt der SammlerForst-Battaglia 1962 in der Monatszeit-schrift Die Tat. Die Sammlung ist vielfältig:Offiziers-Gestalten, Trommler oder winzigeAnsteck-Exemplare aus Pfeifenputzern undsogar ein kleiner Nikolaus versteckt sichunter den mehr als fünfzig Krampussen,die ihr neues Zuhause im Frühjahr 2024 imMuseum fanden.Konstantina HornekMasterstudentin in Expanded Museum­Studies und Europäische Ethnologieund freie Mitarbeiterin in der Sammlungdes Volkskundemuseum Wien