Heft 
59 (2024) 3
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26L I E B L I N G S O B J E K TEin Salzgefäß aus derHaute MaurienneDieses Salzfass in Vogelform war jahrzehn-telang in der kürzlich abgebauten Dauer-ausstellung des Volkskundemuseums zusehen. Es diente dort als Beispiel dafür, wieHolz als vorhandene Ressource in europäi-schen Agrargesellschaften für die Herstellungvon Dingen verwendet wurde und dieseoft über ihre Funktion hinaus künstlerischgestaltet wurden.Salzgefäße waren besondere Haushalts-gegenstände in allen sozialen Schichten, weilSalz ein überlebenswichtiges Gut war, dasfür die meisten Haushalte erst ab der frühenNeuzeit leistbar wurde. Es war vor allem zumHaltbarmachen von Lebensmitteln in großenMengen notwendig, zum Konservieren vonFleisch, Butter und Käse. Eine erheblicheMenge an Salz wurde dem Vieh zugefüttert,da ein Salzmangel bei den Wiederkäuernunmittelbare Auswirkungen auf die Qualitätder Milch hat.Salz wurde in großen Brocken verkauftund musste für den Gebrauch zerkleinertwerden, zum Beispiel mit einem Mörser.­Aufbewahrt wurde das gebrauchsfertige Salzin eigenen Behältern. Dieser vogelförmigeTopf aus Zirbenholz war in der GemeindeBessans, in der savoyischen Haute-Mauri-enne in Gebrauch, laut einer eingeschnitte-nen Datierung ab 1773.Nun, nach Abbau der Schausammlung,ist er wieder im Depot bei all den anderenObjekten aus dieser Gegend, die EugenieGoldstern(1883-1942) sammelte und demVolkskundemuseum schenkte. Nach ihrerFlucht vor den Pogromen in Odessa 1905hatte sie in Wien bei Michael Haberlandt,dem ersten Direktor des Museums, studiert.Während eines Aufenthaltes im Winter1913/14 in einer Stallwohnung in Bessanshatte sie das Leben der Menschen dorterforscht, was zu ihrer Promotion bei PaulGirardin in Fribourg führte. Sie beschriebunter anderem die vogelförmigen Salzbe-hälter, die in Bessans im 18. und frühen19. Jh. in Verwendung gewesen waren. Wieviele Dinge, die sie sammelte, waren dieBehälter nur noch in wenigen Haushaltenim Einsatz. Einige Exemplare, die sie erwarb,waren inzwischen zu Kinderspielzeugumfunktioniert worden. Dem wissenschaft-lichen Usus der Zeit entsprechend, hielt siedie genauen Umstände der Erwerbung nichtfest. Dagegen versuchte sie eine Verbindungzwischen einer magisch-religiösen Bedeu-tung von Salz und der Vogelform der Gefäßeherzustellen, was sie zur Erkenntnis führte,dass dies basierend auf den vorliegendenFakten nicht möglich ist.Für weitere Forschung reiste sie insLammertal, Wallis, Münstertal und Aostatal.Immer wieder erhielt das Volkskundemu-seum Objekte, und Goldstern publizierte imRahmen der Museumsschriften ­zahlreichewichtige Abhandlungen, so auch ihre Dis-sertation. Trotzdem konnte sie beruflichnicht dauerhaft Fuß fassen. Das mag auch anArthur Haberlandt gelegen haben, der dasMuseum ab 1924 leitete. Ab 1938 war EugenieGoldstern als Jüdin den rassistischen NS-Ge-setzen und offenen Verfolgungen ausgesetzt.Im Juni 1942 wurde sie von Wien nach Izbicains Ghetto und Durchgangslager deportiert,wo sie starb.Kathrin PallestrangKuratorin im Volks­kundemuseum Wien,­Textilien, Bekleidung, Holzobjekte,ÖZV-Redaktion