Abgestaubt
55. Jahrgang
Vom Ein- und AuspackenDie Übersiedlung des Museumsin das Palais Schönborn
Die Übersiedlung des Museums in die neuenRäumlichkeiten im Palais Schönborn in derLaudongasse fiel in die Jahre des ErstenWeltkriegs. 1913 kündigte die Wiener Börse-kammer den Mietvertrag für das im Börse-gebäude am Ring untergebrachte Museumund setzte die Räumung für November 1915fest. Der Verein sah sich gezwungen, einneues Quartier zu suchen und wurde imachten Bezirk fündig. Da sich sowohl dieRäumung des Palais durch die Vormieter alsauch die baulichen Adaptierungsmaßnah-men verzögerten, musste die Übersiedlung
mehrmals verschoben werden.
Das Verpacken der Sammlungen wareine logistische Herausforderung. Diebenötigten Kisten waren in Kriegszeiten nurschwer zu beschaffen und der Verein batdas Naturhistorische, das Technische sowiedas Österreichische Museum für Kunst undIndustrie um leihweise Überlassung. Alleinedie keramische Reservesammlung( die depo-nierten, nicht ausgestellten Objekte) belegte87 Kisten und Truhen. Diese Packstückeund große Objekte wie Mobiliar wurdenbereits im November 1915 abtransportiertund konnten vorübergehend in Magazinräu-men des Magistratischen Bezirksamtes amSchlesingerplatz 2 untergestellt werden. Dieentstehenden Transportkosten wurden vonJenny Mautner, Ehefrau des Textilindustriel-len Isidor Mautner, Kunstmäzenin und Muttervon Konrad Mautner übernommen.
Am 2. Jänner 1917 begann die Hauptphaseder Übersiedlung. Zunächst konnten dieMitarbeiter des Naturhistorischen MuseumsFranz Mucnjak und Marie Hein, die Witwedes Museumsmitbegründers Wilhelm Hein,
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als Hilfskräfte gewonnen werden. Ab8. Jänner standen durch die VermittlungAlfred Walcher von Moltheins vier bis fünfMann der Patriotischen Kriegsmetallsamm-lung für Abräum- und Packarbeiten zurVerfügung. Walcher von Molthein war seit1905 Mitglied des Vereinsausschusses undnutzte seine Funktion als Leiter der Kunstab-teilung der Metallaufbringungssammlung, umdieses Personal für die Mitarbeit abzustellen.Im Februar 1917 waren 340 Kisten fertiggepackt. Deren Inhalt repräsentiertegeschätzte zwei Drittel des Sammlungs-bestandes, der sich zu Jahresende 1916auf über 35.000 Objekte belief. Ende Märzwar das Packen von in Summe 576 Kistenvollendet.
Der Transport aller Packstücke, desgesamten Schaukästen- und Behelfsmate-rials aus den Börseräumen sowie der neuvom Naturhistorischen Hofmuseum und demÖsterreichischen Handelsmuseum ange-kauften Kästen und Pulte erfolgte durchdie Spediteure Anton Hanka und ZdenkoDworak sowie mit der Straßenbahn. Währendinsgesamt sechs Nächten fuhren Lastzügeder elektrischen Straßenbahn vom Ring indie Laudongasse. Das Be- und Entladenwurde von soldatischen Mannschaften, diedas Kriegsministerium bereitstellte, unter derLeitung von Arthur Haberlandt durchgeführt.Die Gesamtkosten der Übersiedlung beliefensich auf 6500 Kronen und blieben deutlichunter den dafür veranschlagten 8000 Kronen.Ab Mitte Mai 1917 konnte im PalaisSchönborn, parallel zu den baulichenAdaptierungen, mit der Neuaufstellungder Sammlungen begonnen werden. DieseArbeiten zogen sich noch mehrere Jahrehin. Die Wiedereröffnung des Museumsfand schließlich am 26. Juni 1920 statt.
Elisabeth Egger, Archiv