Heft 
55 (2020) 3
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3/2020

Schaufenster

Zweimal das gleicheaber nicht dasselbe BildAusstellungsrecherchein der Fotosammlung

Bei der Recherche zu unserer kommendenFotoausstellung tauchten zwei Bilder auf,die Abzüge derselben Aufnahme sind. Siewurden jedoch in zwei Kontexten verwen-det, die sich deutlich voneinander unter-scheiden.

Die Aufnahme machte Josef Szombathyim Jahr 1894 in Radautz( damals im Herzog-tum Bukowina, einem der Kronländer derHabsburgermonarchie, heute Rădăuţi inRumänien). Sie zeigt eine Marktsituation mitdrei Frauen in Tracht. Szombathy war Kus-tos am k.k. naturhistorischen Hof- Museumund damit Kollege des Gründungsdirektorsdes Volkskundemuseums Michael Haber-landt in der dortigen Prähistorisch- Ethno-graphischen Abteilung. Er unterstütztediesen auch bei der Museumsgründung.1894 war Szombathy auf einer sogenann-ten Recognoszierungstour"( er besuchtearchäologische Ausgrabungsstätten) inder Bukowina unterwegs und fotografiertedabei ethnographische Momente".42 Abzüge von diesen Aufnahmen befindensich in der Fotosammlung des Volkskunde-museums und stellen dort die erstenNummern im Inventarbuch. Die Bilderwürden wir heute irgendwo zwischendokumentarischer Reisefotografie, ethno-grafischen Feldaufnahmen und privatenUrlaubsbildern einordnen.

Abb. 1. zeigt unser Bild, wie es sich mitder Inventarnummer pos/ 4 in der Foto-sammlung des Volkskundemuseum Wienbefindet. Es muss die Variante sein, wiesie Szombathy dem Volkskundemuseumgeschenkt hat. Sie ist in diesem Fall mit der

Bildunterschrift ,, Radautz, Wochenmarkt.Rutheninen[ sic!] vom Gebirge" versehen.Die Inventarnummer pos/ 4456 zeigteinen etwas anderen Abzug( Abb. 2.),diesmal ist eine Bildunterschrift einkopiert: Zum Frieden mit der Ukraine:[ sic!]Wochenmarkt in einem ukrainischen Dorfe".Diese Aufnahme stammt aus den Beständendes k.u.k. Kriegspressequartiers, der Pro-pagandaabteilung der österreichisch- un-garischen Armee, wurde als eine von FünfPhot. aus d. Ukraine[...]" dem Volkskunde-museum geschenkt und 1918 inventarisiert.1918 gab es zwischen der Habsburgermo-narchie und der neugegründeten, nur kurzexistierenden Volksrepublik Ukraine einenSeparatfrieden, der innerhalb der immen-sen politischen Umbrüche dieser Region zusehen ist.

Zwei Mal das gleiche Bild, nur dieBezeichnung änderte sich etwas: DiesesBeispiel zeigt die Mehrdeutigkeit fotogra-fischer Bilder. Bei der analogen Fotografieerzeugt die Bildaufnahme nur scheinbar einBild. Daraus entstehen stets neue Bilder, dieunterschiedliche Effekte entfalten können.Die erste unserer zwei Fotografien zirku-lierte in einem wissenschaftlichen Kontext,es ging um seinen ethnografischen Bedeu-tungshorizont. Das zweite Bild wurde alsPropagandamittel während kriegerischerHandlungen eingesetzt: Nicht die Volks-gruppe der Ruthenen war hervorgeho-ben, sondern die Ukraine als Staat.

Die Zirkulation und Wirkungen solcherBildern, die von der der ethnischenVielfalt und den damit verbundenenpolitischen Prozessen in Galizien und derBukowina am Ende der Habsburgermonar-chie handeln, sind Thema einer Ausstellungim Volkskundemuseum ab Mitte März 2021.

Herbert Justnik, Fotosammlung

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