Heft 
55 (2020) 4
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Lieblingsobjekt

Puppenstube und-küche,Bastelarbeit/ Spielzeug, Wien 1928

Wir Kulturvermittlerinnen haben über dieJahre einige Objekte in der Schausamm-lung besonders lieb gewonnen, anhandderer sich besonders spannende The-men diskutieren aber auch persönlicheGeschichten erzählen lassen. Eines davonist eine Puppenstube und-küche- von unseinfach Puppenhaus genannt. Bei diesemObjekt( ÖMV- Inv. Nr.68 706/ 1-52, Raum25 der Dauerausstellung) interessiert uns,inwiefern es als Abbild realer Haushaltezu Beginn des 20. Jahrhunderts gedeu-tet werden kann. Wir stellen Fragen zumGebrauchszweck im Wandel der Zeit undzur aktuellen Lesbarkeit dieses alltagshisto-rischen Artefakts.

Was wissen wir über das Puppenhaus? Eswurde in der Zwischenkriegszeit von einemVater für seine Kinder aus unterschiedlichenHolzplatten gebaut. Es besteht aus einerStube im Erdgeschoß und einer Küche imersten Stock. Aufgrund der Machart vermu-ten wir, dass einige Möbel von ihm selbstin Handarbeit hergestellt wurden. WeitereEinrichtungsgegenstände stammten ver-mutlich aus anderen, älteren Puppenhaus-einrichtungen. Welche Erzählungen lassensich anhand dieser Informationen span-nen? Die von einem liebenden Vater? Vongesellschaftlichen Vorstellungen, die einebis heute spürbare Frauenrolle definieren?Von einem Handwerk, dass autodidaktischangelernt wurde? Und welche Kindheitser-innerungen verbinden die Besucherinnenmit dem Objekt?

Zweifelsohne erzählt es einige Geschich-ten. Auch davon, wie sich der Blick derKulturvermittlerin die Perspektive auf einObjekt immer wieder ändert, vor allem

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auch durch Impulse von Besucherinnen.Wie etwa eine junge Teilnehmerin derSommerakademie, die wir in Zusammen-arbeit mit den Wiener Kinderfreundenmit interessierten 6 bis 10- jährigen Kin-dern durchführen, die eine bisher unsererAufmerksamkeit entgangenen Spiegelkom-mode, eine sogenannte Psyche, im hinterenEck der Puppenstube entdeckte. Livia fandheraus, dass Psychen seit 1800 bekanntsind und derartige Möbelstücke vor allem inden 1940er bis 1960er Jahren sehr populärwaren. Sie standen im intimen Bereich inder Nähe des Schlafplatzes und waren dazugedacht, sich selbst zu betrachten und sich,, herzurichten".

So wie sich durch eine Veränderung deseigenen Äußeren neue Perspektiven eröff-nen können, kann dies durch eine neueRaumgestaltung innerhalb des Objektesgeschehen. Als unlängst die Vitrine für prä-ventive und konservatorische Maßnahmengeöffnet wurde, nahm das Museumsteambei der Einrichtung der Miniaturmöbel-stücke kleine Änderungen vor. Es wurdezum Beispiel die Kastentüre in der Stubegeöffnet, ein Kleiderhaken herausgenom-men und auf den Türknopf gehängt. EineTagesdecke, vorher am Bett kaum ersicht-lich, wurde auf der Bettkante drapiert undsomit sichtbar gemacht. Die Wiege mit demPuppenkind wurde stärker ins Blickfeldgerückt. Die Psyche ermöglicht jetzt nichtnur einen Blick durch die geöffnete Kasten-tür in das Innere des Kastens, sondern auchden MuseumsbesucherInnen, ihr eigenesSpiegelbild als Möglichkeit zur Selbstrefle-xion zu nützen.

Ein Perspektivenwechsel beeinflusstauch Erzählebenen eines Objektes. Geradeim Zusammenhang mit unserem neuengendersensiblen Vermittlungsprogramm Gemeinsamkeiten? Unterschiede?- Such