Druckschrift 
Statuen der Vergänglichkeit : Volkskunst ungarischer Dorffriedhöfe ; eine Fotoausstellung
Entstehung
Kittsee [ca. 1986]
Seite
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achtet bleiben sie nicht anonym, die Gemeinschaft kennt sie wohl undschätzt sie.

Die Grabmäler sind gegenständliche Requisiten der Bestattungsbräuche derungarischen Bauernschaft. So wird ihre Verwendung und Gestaltung grund-legend von der Lebensform der Bauern und von deren Denkart über den Todbestimmt. Sie fassen das Dahinscheiden als organischen Teil des Daseinsauf und bereiten sich auf diese Stunde so vor, daß sie mit fortschreitendemAlter dem Tod gefaßt entgegentreten. Als schweren Verlust hingegenbetrachten sie das Ableben der gerade Individualität erlangenden, eben indas Erwachsenenalter eintretenden Mädchen und Burschen. Die Abnormitätdes vorzeitigen Todes drückt sich auch in den Bestattungsbräuchen aus. Imallgemeinen dienen die Leichenzeremonien dazu, dem Verstorbenen aufwürdige Art die letzte Ehre zu erweisen. Den Angehörigen wird so zugleichMut zugesprochen und der Gemeinschaft der Abschied vom Verstorbenenerleichtert. Zum anderen werden die Hinterbliebenen in dieser Stunde zurBesinnung ermahnt, ohne Selbsttäuschung an ihren eigenen Tod zu denkenund sich auf ihn vorzubereiten.- Im Bewußtsein von Sein und Vergehen übtendie künstlerisch herausragenden Grabmäler der Dorffriedhöfe auf die Stadt-bewohner notwendigerweise eine ebenso tiefe Wirkung aus wie die rituellenund kultischen Bräuche der außereuropäischen Länder auf die europäischeBildende Kunst zu Beginn unseres Jahrhunderts.

DIE WANDLUNG

DER FRIEDHOFSKULTUR

Heute vollzieht sich die landwirtschaftliche Produktion in Staatsgütern,in Produktionsgenossenschaften, im großbetrieblichen Rahmen. Dergrößere Teil der erwerbstätigen Bevölkerung der Dörfer ist in der Industriebeschäftigt, der kleinere entfällt auf die Landwirtschaft. Die im Laufe vonGenerationen ausgestaltete Produktionsweise, das Verhältnis zu denProduktionsmitteln und zum Eigentum hat sich verändert, es erfolgte einemehr oder minder bewußte Kritik, Umwertung und Neugestaltung der tradi-tionellen Beurteilung der Dinge. Dieser Wandel ist natürlich auch in derVeränderung der mit dem Tod, den Toten und den Friedhofsbräuchenverbundenen Denk- und Verhaltensweise sichtbar.

Maschinelle Holzbearbeitung verdrängt die manuelle Holzschnitzerei. DenPlatz der aus Holz oder aus Bruchstein gefertigten Grabmäler übernehmen

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