Druckschrift 
Statuen der Vergänglichkeit : Volkskunst ungarischer Dorffriedhöfe ; eine Fotoausstellung
Entstehung
Kittsee [ca. 1986]
Seite
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ke zerrissene Hemd des behexten" Kindes- in der Hoffnung auf dessenHeilung- auf die den Friedhof umgebende Heidenrosenhecke. In den Dörfernder Palotzen pflegt man das Stroh des Totenbettes, hidegágy( kaltes Bett)genannt, im Friedhofsgraben zu verbrennen. Den im Friedhofsgrabengepflückten Pflanzen wird in ganz Siebenbürgen Heilkraft zugeschrieben.Das Friedhofstor ist beim Begräbnis ein wichtiger Ort, an dem der Leichen-zug gewöhnlich haltmacht. Der Sarg wird hier auf den Boden gestellt und derTote gleichsam ,, begrüßt. In Hajdunánás( Komitat Hajdu- Bihar) hielt man mitdem Toten am Friedhofstor inne, weil er dem Volksglauben zufolge in diesemAugenblick von dem vor ihm Verstorbenen die Friedhofswache übernahm,von nun an wartete er am Tor, bis der nächste Tote ihn ablöste. In den Dörferndes Aggteleker Karsts zum Beispiel werden vor dem Leichenschmaus alleTeilnehmer des Begräbnisses am Friedhofstor mit Brot und Wein bewirtet.-Über die rationalen Erwägungen hinaus spielen diese Glaubensvorstellun-gen, die individuellen und gemeinschaftlichen Bräuche eine wesentlicheRolle bei der Formung des gemeinsamen ästhetischen Anspruchs einesGebietes. Dieser ästhetische Anspruch bestimmt das charakteristischeäußere Bild der einzelnen Dorffriedhöfe.

Das Dorf der Gestorbenen- die Grabzeichen

Stand das Tor des Friedhofs offen,

Hab ich Mädchen dort getroffen.

Lauter Tordonaerinnen,

Blumen pflückten sie herinnen.

Pflückten sie ab von meinem Grabe,

Pflückt, solang ich Blumen habe,

Nur die weiße Lilie laẞt,

Stört nicht, Mädchen, meine Rast.

Wer die Lilie dennoch bricht,

Lasse sie verdorren nicht.

Pflanze sie, hört meine Bitte,

Ein in meines Grabes Mitte.

Tardonaer Volkslied

Die ungarischen Dorffriedhöfe schätzen ihrer Bestimmung entsprechend dieUngestörtheit der Gräber und sind Orte der Totenverehrung, sie sind aberauch den Lebenden von Nutzen.

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