Kerzen und Blumen um das Friedhofskreuz oder warfen sie in das vor demKreuz lodernde Feuer. Das unausgesetzte Glockengeläut währte bis zumEinbruch der völligen Dunkelheit.
GRABMAL UND ABERGLAUBE
Mit den Grabmälern sind zahlreiche Glaubensvorstellungen, abergläubischeBräuche und Geschichten verknüpft. Zunächst ist die Gruppe der allgemeinbekannten Glaubensvorstellungen zu nennen, wonach es elementare Pflichtder Lebenden ist, den Verstorbenen zu bestatten und die Stelle des Grabeszu kennzeichnen. Das Grundmotiv dieses Glaubens unterstreicht, welchegroße Schande ein vernachlässigter Grabhügel sowohl für die Lebenden alsauch für die Toten ist. In einem solchen Grab kann der Verstorbene nicht inFrieden ruhen.
Nach einer allgemein verbreiteten Vorstellung haust die Seele des Totennach dem Begräbnis noch eine Zeitlang auf dem Grabmal. Es muß deshalb inRuhe gelassen werden. So wird im Volksglauben die im Augenblick desTodes aus dem Körper entweichende Seele mit dem nach dem Begräbnisden menschlichen Körper angebenden, wohl symbolisierenden Grabmal zueiner neuen Einheit verwoben. Auch lebt darin der traditionelle Aberglaube,wonach das geschnitzte Holz die einstige Rolle des lebenden Baumesübernommen hat und zum Aufenthaltsort der Seele geworden ist.Eine andere Gruppe abergläubischer Erzählungen handelt vom allein geblie-benen alten oder armen Menschen, der, von der Not gezwungen, auf demFriedhof gestohlene Grabhölzer als Heizmaterial verwendet. Aus dem Feuerhört er eines Abends eine drohende Stimme, die ihm das weitere Grabholz-stehlen verbietet. Solche Erzählungen ergänzen im Grunde die erstgenannteGruppe. Sie ermahnen die Bauern, es selbst in der größten Not nicht an derdem Toten gebührenden Achtung fehlen zu lassen.
Eine dritte Gruppe von Geschichten beurteilt den mit den Toten und denGrabmälern verknüpften Aberglauben im Grunde bereits vom Standpunktder aufgeklärten Denkweise. Die Erzählungen handeln in der Regel voneinem groẞtuerischen Burschen, der, um seinen Mut zu beweisen, Nachtsauf dem Friedhof ein ganz bestimmtes Grabmal aus der Erde ziehen und um-drehen muß, oder der vom Grab einen Kranz oder ein Band stehlen soll, umes seinen vor dem Friedhofstor wartenden Gefährten zu bringen. In der Eiledrückt der Bursche sein Gewand mit dem umgekehrten Grabmal in die Erdeoder er bleibt an den Büschen beim Grab hängen. Vor Schreck meint er, derin seiner Ruhe gestörte Tote hielte ihn zurück, und er fällt an der Stelle tot um.
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