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Der Held muß für seinen Übermut bezahlen. Selbst überschäumendejugendliche Lebenskraft darf sich nicht gegen die Verstorbenen, gegen dieVorfahren wenden und die Ruhe des Friedhofs stören. Mit anderen Worten,die Lebenden dürfen die Traditionen nicht verwerfen, sonst zahlen sie mitdem Leben. Die beiden letztgenannten Gruppen abergläubischer Geschich-ten künden in irgendeiner Weise von der Kraft der Vergangenheit; sie ermah-nen, die Toten zu achten und sichern damit den Gräberfrieden.
Zur nächsten Gruppe können jene abergläubischen Vorstellungen gezähltwerden, denen zufolge man durch den Erwerb eines Stückes vom GrabmalZauberkraft erlangen kann. In diesen Geschichten hat sich der archaischeGlaube von der Zauberkraft der verschiedenen Körperteile des Verstorbenenerhalten. Den Verstorbenen verkörpert- dieser Meinung nach- das Grabmal.Im Komitat Szatmár heißt es, wenn man jemanden behexen wolle, müsseman des nachts von den Grabhölzern von neun Toten gleichen Taufnamensneun Stücke abbrechen, diese mit sieben Haaren des zu Behexendenverbrennen und die Asche in seine Speise mischen.
Einer weiteren charakteristischen Gruppe der mit den Grabmälern ver-knüpften abergläubischen Vorstellungen nach ist es das beste Mittel gegenTrunksucht, wenn man um Mitternacht unter dem Grabholz eines Toten, derden gleichen Taufnamen wie der Trunksüchtige trägt, eine Flasche Schnapsvergräbt, diese nach neun Tagen um Mitternacht wieder herausholt und denSchnaps der vom Übel zu heilenden Person zu trinken gibt. Diese ArtAberglauben ist z. B. in Oberungarn und im Komitat Szabolcs- Szatmár anzu-treffen.
DIE GRABMALSCHNITZERUND IHRE KUNST
Von den Objekten des Friedhofs sind die hölzernen Grabmäler diecharakteristischsten Zeugnisse der volkstümlichen Holzschnitzkunst; vorallem die Grabhölzer erschließen uns eine einmalig reiche und überwältigendreife Formenwelt. Diese eigentümlichen Grabmäler veranschaulichen dasstarke und anspruchsvolle Formempfinden der ungarischen Bauern derverschiedenen Gegenden.
In den Dörfern, wo die Holzschnitzkunst eine große Tradition hat, werden dieHolzgrabmäler von den Bauern selbst geschnitzt, sie sind wahre dörflicheKünstler; anderswo können auch Rad- und Stellmacher, Zimmerleute undMüller als Grabholzschnitzer arbeiten. Dabei lassen sie sich von derselben
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