ÜBER DIE VOLKSKUNST
UNGARISCHER DORFFRIEDHÖFE
Die Bewohner der dichtgedrängten Wohnviertel, vorfabrizierten Beton-wände kommen zur ewigen Ruhe in überdimensionierten Friedhöfen, untervorfabrizierten Betonplatten. Am Ende unseres uniformierten Lebens stehtein uniformiertes Grabzeichen. Es gibt wohl Ausnahmen: in der Lebensfüh-rung, aber auch bei Begräbnis und Grabmal. Rilke hat ja wohl recht, wenn erin Malte Laurids Brigges Aufzeichnungen schreibt:
,, Dieses ausgezeichnete Hotel ist sehr alt, schon zu König Chlodwigs Zeitenstarb man darin in einigen Betten. Jetzt wird in 559 Betten gestorben. Natür-lich fabrikmäßig. Bei so enormer Produktion ist der einzelne Tod nicht so gutausgeführt, aber darauf kommt es auch nicht an. Die Masse macht es. Wergibt heute noch etwas für einen gut ausgearbeiteten Tod? Niemand. Sogardie Reichen, die es sich doch leisten könnten, ausführlich zu sterben, fangenan, nachlässig und gleichgültig zu werden; der Wunsch, einen eigenen Todzu haben, wird immer seltener. Eine Weile noch, und er wird ebenso seltensein wie ein eigenes Leben. Gott, da ist alles da. Man kommt, man findet einLeben, fertig, man hat es nur anzuziehen. Man will gehen, oder man ist dazugezwungen: nun, keine Anstrengung: Voilà votre mort, monsieur. Man stirbt,wie es gerade kommt; man stirbt den Tod, der zu der Krankheit gehört, dieIman hat( denn seit man alle Krankheiten kennt, weiß man auch, daß dieverschiedenen letalen Abschlüsse zu den Krankheiten gehören und nicht zuden Menschen; und der Kranke hat sozusagen nichts zu tun)."
Man kann gar nicht so leicht sein eigenes Leben haben, ebensowenig wieseinen eigenen individuellen Tod. Das spiegelt sich auch im Gesamtbild derFriedhöfe wider, wie selten ist etwa Holz als Grabzeichenmaterial zu finden.Alles wird durch das hektische Streben nach Ewigkeit beherrscht. Was manin seinem Leben nicht erreichen konnte, möchte man durch ein solides Grab-zeichen ersetzen. Um so mehr, als das Errichten eines solchen Grabmalesden Weiterlebenden Auskunft über Prestige und Rang des Verstorbenengeben kann.
Man kann darüber nur etwas übertrieben und einseitig schreiben: übertrie-ben und einseitig, denn man hat wenige Möglichkeiten, seine Meinung zudiesem Thema in offenen Gesprächen im Familienkreis oder unter Freundenkorrigieren zu lassen. Wir sind nämlich einseitig und übertrieben auf denGenuß des Lebens eingestellt, wobei das Sterben, der Tod und dementspre-chend auch der Friedhof als Tabu gelten. Dies war aber nicht immer so undsollte auch nicht unbedingt so bleiben. Schauen wir uns ein Beispiel an.
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