IV. Funktion und Bedeutung
1. MAGIE UND RELIGION
" Religiöse Volkskunst ist Teil eines vielschichtigen Tradi-tionszusammenhangs religiösen Brauchtums Glossar ::: zum Glossareintrag Brauchtums und reflektierteine Erfahrungsgeschichte des leidenden wie des hoffendenMenschen, sie ist Ausdruck von dessen gestalterischerPhantasie und von jener Haltung der Volksfrömmigkeit, diesich in ihren' Bildern und Zeichen' objektiviert. DieReligiosität, deren Ausdrucks- und Funktionsmedium dieVolkskunst darstellt, ist nur mit Einschränkungen die, die inDogma und Ritus der Kirche festgeschrieben ist. Sie istvielmehr offen gegenüber einem inhaltlich und funktionalnur schwer abgrenzbaren Erfahrungsbereich, in dem kirchlichgeregelte Glaubensinhalte und Frömmigkeitsübungenüberlagert werden von außer- und vorchristlichem Brauchtum Glossar ::: zum Glossareintrag Brauchtumund sich mit naturmagischen Vorstellungskomplexenverbinden"( 32). In außerchristlichen Religionen findet sichmehrfach die Verwendung der Gebetsschnur alsAndachtsmittel, als Instrument zur Zählung von Gebets-formeln und zur Erzielung magischer Wirkungen( 33). Auchim Christentum sind Gebetszählschnüre beziehungsweiseRosenkränze primär religiöses Andachtsmittel, im Volks-glauben hingegen auch Amulett und magisches Hilfsmittelbei allerlei Nöten und Krankheiten. Rosenkränze ausNatternwirbeln gelten als besonders zauberkräftig. ToteRingelnattern werden dazu solange in einen Ameisenhaufengelegt, bis die großen Waldameisen die Nattern ausgehäkelthaben und nur mehr kleine Knöchelchen übrig sind; die dannaufgefädelt und gekettelt werden( 34). Wallfahrtsandenken,Kreuze, Weihemünzen, Medaillen, Heiligenattribute, die aneiner Kette oder am Rosenkranz getragen werden, haben inder Vorstellung der Gläubigen durch ihre kirchliche Weiheoder Berührung am Gnadenbild heilende und schützendeKraft erhalten. Im täglichen Gebrauch dienen sie nicht nur derreligiösen Besinnung, sondern finden auch amulettwertigeVerwendung. Nahezu alles kann zum Amulett werden, wennes um Glück oder Unglück, um Leben oder Tod geht.
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