Sowenig im Hochmittelalter die weltlichen Straßen ausgebaut waren, die„ heiligenStraßen", die Wege, auf denen man das Heilige Land, auf denen man Rom, Santiagooder Aachen erreichte, waren wohlbekannt.
Man muß sich bei der nachfühlenden Betrachtung dieser Dinge daran erinnern,daß alle diese großen Wallfahrten zunächst und vor allem von den Fürsten und denAngehörigen des Hochadels durchgeführt wurden. Die österreichischen Babenbergerstellten eine stattliche Zahl von Kreuzfahrern. Die Markgräfin Ida verscholl 1101 aufeinem Kreuzzug in Kleinasien. 12 Heinrich II. zog zunächst einmal allein ins HeiligeLand, ähnlich wie sein Zeitgenosse Heinrich der Löwe, Herzog von Sachsen und Bayern.Als Heinrich II., der Babenberger, Herzog von Bayern geworden war, ging er nichtmit Friedrich Barbarossa auf dessen Kreuzzug. Wohl aber kämpfte Leopold V. in dendarauffolgenden Kämpfen im Heiligen Land mit, seine Beteiligung an der Eroberungvon Akkon 1191 ist berühmt geworden. Die merkwürdigen Folgeerscheinungen davon,die Gefangennahme des englischen Königs Richard Löwenherz, die Verwendung desLösegeldes für ebendiesen König zum Befestigungsbau von Wien und Wiener Neustadt,sind geläufig geblieben. Nebenerscheinungen eines Kreuzfahrerdramas, wenn man sosagen will. Leopolds Nachfolger Friedrich I. war schließlich der Kreuzzugs- Romantikerunter den Babenbergern. Er war offenbar nicht viel im Lande, gerade daß er dieGeorgenberger Handfeste 1192 mit unterzeichnen konnte, durch die Steiermark zuÖsterreich kam, 1194 wurde er Herzog, und dann war er auf Kreuzzügen, bis ihn 1198im Heiligen Land der Tod ereilte. Sein glücklicherer, erfolgreicher Nachfolger warLeopold VI., der 1217 den Kreuzzug nach Ägypten mitmachte, die Eroberung vonDamiette mitbetrieb und hohes Ansehen erwarb: Friedrich II. vertraute ihm ebenso wieHermann von Salza, der den Deutschen Orden aus den unfruchtbar gewordenen Fehdenim Vorderen Orient Glossar ::: zum Glossareintrag Orient nach dem Norden, nach dem späteren Ordensland Preußen führte.Leopold VI. hat das Heilige Land und seine Pilgerstätten wohl sehr gut gekannt. Indem von ihm gestifteten Kloster Lilienfeld glaubt man noch Spuren dieser seiner Kennt-nis zu erkennen. 13
Es waren nicht nur die Fürsten, welche dem größten Bewegungselement der hoch-mittelalterlichen Geschichte Folge leisteten. Der mit ihnen verwandte Hochadel tat des-gleichen. Freilich haben wir davon, wenigstens in unserem Zusammenhang, nur seltenKenntnis. Aber bei den Stiftern von Mariazell im Wienerwald, also einem wichtigenPfeiler der künftigen„ Heiligen Straße", wissen wir es: Die beiden Stifterbrüder vonSchwarzenburg- Nöstach standen offenbar im gleichen Bann dieser Zeitereignisse wieihre babenbergischen Vettern, und von Rapoto von Schwarzenburg ist es bekannt, daßer 1140, also nur vier Jahre nach der Gründung von Mariazell im Wienerwald, als,, Rapoto miles Dei" bezeichnet wird, was ihn offenbar als Kreuzfahrer kennzeichnet. 14So scheint sein Kloster doch in irgendeinem Zusammenhang mit dem Heiligen Land zustehen. Heiligenkreuz kennt diesen Zusammenhang in erster Linie durch seine Reliquien,eben den Splitter vom„, Heiligen Kreuz", dem Kreuz Christi, den das Stift geschenktbekommen hatte. Es war ursprünglich wie alle Zisterzienserstifte der Gottesmutter Mariageweiht, aber der Titel der bedeutsamen Reliquie überdeckte dann die ursprünglicheWidmung. 15 Und Lilienfeld, wie gesagt, ist vielleicht zum Teil auf die Anregung Her-zog Leopolds VI. in Erinnerung an Kreuzfahrerbauten errichtet worden. Die Schlaf-
12 Adolf Waas, Geschichte der Kreuzzüge. Bd. I, S. 161.
13 Theodor F. Meysels, Via sacra. S. 15.- Norbert Mußbacher, Das Stift.Lilienfeld( Österreich- Reihe, Bd. 292/293/293 a). Wien 1970.
14 Karl Lechner, Ausgewählte Schriften. Mit einer Bibliographie. Hg. Kurt Vancsa,Wien 1947, S. 76.
15 Gustav Gugitz, Österreichs Gnadenstätten in Kult und Brauch. Bd. 2: Niederöster-reich und Burgenland, S. 44.
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