residierten, sondern in ihren Pfalzen, wie Klosterneuburg eine war, und die von dortaus eher Klöster gründeten oder doch stärkten als Städte. Von uns aus gesehen heißtdas eigentlich: Als Wien gerade erst civitas" genannt wurde, als Heiligenkreuz undMariazell im Wienerwald zu besitzmächtigen Waldklöstern gemacht wurden, gab esnoch keine Heilige Straße, keine Verbindung von Wien durch die Wälder nach demAlpenvorland.
Das ist freilich sehr begreiflich: Es gab ja auch noch kein Wallfahrtsziel, dennMariazell selbst gab es noch nicht. Erst 20 Jahre nach der Gründung von Heiligenkreuzwurde der Legende nach Mariazell zuerst genannt, 1157. Urkundlich freilich wurde dieZelle erst im Jahr 1243 erwähnt, der Ort erst 1266, ein Pfarrer wird erst 1278 dortgenannt. Auch wenn die erste Kirche schon um 1200 gebaut worden sein mag, die Stei-gerung zur großen Wallfahrt, die Begabung mit Ablaßbriefen erfolgte erst ein vollesJahrhundert später. Anders ausgedrückt: Wenn Heiligenkreuz und Mariazell im Wiener-wald Schöpfungen der romanischen Epoche waren, wuchs Mariazell erst mit der Gotikheran, und das ganz wörtlich: sogar mit der Wiener Dombaugotik. Als im 14. Jahr-hundert, unter Herzog Albrecht III., der Albertinische Chor bei St. Stephan gebautwurde, sorgte sich der gleiche Herzog um die Errichtung eines Altares im soeben errich-teten Chor der Mariazeller Kirche. 4 Davon sollte eigentlich bei der Mariazeller Wall-fahrtsgeschichte ein bißchen mehr die Rede sein als von der sagenhaften Wallfahrt einesmährischen Markgrafen, angeblich 1228, und dem Gelübde eines ungarischen Königs,1344: Wenn seit der Zeit Maria Theresias die beiden mächtigen Bleiplastiken von Baltha-sar Moll den Wallfahrer vor dem gotischen Portal der Basilika von Mariazell begrüßen,so erinnern sie bei weitem eher daran, daß es sich dabei um eine Art von Symbolgestal-ten der Völker der alten Donaumonarchie handeln sollte als um reale Erinnerungen andie Geschichte der Gnadenstätte.
Die frühe Geschichte der Klöster am Weg von Wien nach Mariazell sind alsoDenkmäler der Frömmigkeit, der Stiftergesinnung der Fürsten und des Hochadels imHochmittelalter. Sie schufen sich gleichzeitig ihre„ Grablegen" in diesen Klöstern: Leo-pold der Heilige in Klosterneuburg, die Babenberger mehrerer Generationen in Heiligen-kreuz, Leopold VI. der Glorreiche in Lilienfeld. Erst mit dem 14. und noch mehr mitdem 15. Jahrhundert haben diese Heiligtümer Berührung mit den Bürgern, vor allemmit den Wiener Bürgern gesucht und gefunden. Nun beginnen die Verlöbnisse an dieseStätten zu strömen, nunmehr werden die Testamente zu Zeugnissen für Stiftungen andiese Klöster und Kirchen, nicht zuletzt an Mariazell selbst. Darüber werden die Wie-nerwald- Heiligtümer durchaus nicht vergessen: Mitten in der Inneren Stadt von Wien,nämlich in der Johannesgasse, im I. Bezirk, gibt es ein sehr bezeichnendes Denkmaldafür. Dort steht neben dem ehemaligen Ursulinenkloster das Gebäude des Hofkammer-archives. Es steht auf dem Grund des ehemaligen Mariazeller Hofes, und damit istMariazell im Wienerwald gemeint, nicht Mariazell in der Steiermark. Man kann sichim Hof des Hofkammerarchives von der Stiftergesinnung des 15. Jahrhunderts nochüberzeugen: Über dem Stiegenaufgang im Hof ist ein herrliches gotisches Relief ein-gemauert, das die Widmung dieses Hofes durch Stefan von Hohenberg im Jahr 1482bildhaft dartut. Ein Wiener Steinmetz wohl aus der Dombauhütte von St. Stephan hatdas vorzügliche Relief geschaffen, das die Übergabe des Hauses an die Madonna dar-stellt. 5
Man sollte noch einen Augenblick in der Johannesgasse bleiben und nicht nur inden Hof des Hofkammerarchives schauen, sondern auch in den der Johanniter- Ordens-kommende an der Ecke der Kärntner Straße. Dort sieht man nämlich den schlichten
4 Gustav Gugitz, Österreichs Gnadenstätten, Bd. 4: Kärnten und Steiermark. S. 197 ff.5 Karl Ginhart, Die gotische Plastik in Wien( in: Richard Kurt Donin[ Hg.],Geschichte der bildenden Kunst in Wien, Bd. II, Wien 1955, S. 137).
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