Gnadenstätten näher sind und dort auch mehr Segen erwarten dürfen. In diesem Den-ken wie in der Art ihrer Andacht, wie sie nach frommem Brauche leben, ihre Opfer-gaben gestalten und darbringen, läßt sich eine übereinstimmende innere Beziehung fest-stellen.
Das Volk verehrte durch alle Zeiten besonders die Gottesmutter Maria. Schon im10. und 11. Jahrhundert gab es Marienkultstätten in unserem Land, in der Zeit derReformation ist ein gewisses Abflauen der Verehrung zu verzeichnen, doch in derBarockzeit nimmt sie wieder den großen Aufschwung. Eine über die ganze Zeit fort-dauernde Marienverehrung ist vor allem vor dem Gnadenbild der„, Maria Pötsch" imStephansdom zu Wien wie bei der Cella S. Mariae, heute Kleinmariazell, zu beobachten.Infolge Unterstützung des Kaiserhauses wurde dieser Wallfahrtsort bald von Mariazellin der Steiermark überflügelt. Auch bei den vielen späten Kopien der Gnadenmutter,etwa in Maria Enzersdorf, Hafnerberg, Gutenstein usw., Orten an der Pilgerstraße undin ihrer näheren Umgebung, wird die Marienverehrung bis zur Gegenwart gepflegt. 45Es wurde Brauch, beim Besuch einer Gnadenstätte eine Gabe mitzubringen. DieWallfahrtsheiligtümer zeigen einen Schatz von solchen Gaben, die als Weihegeschenkmit der Bitte um Erfüllung oder als Votivgabe als Dank für die Gewährung dargebrachtwurden. 46 Man bezeichnet diese Geschenke als„ Opfer". Sie sind aus einem bäuerlichen,, Geben- nehmen- Verhältnis" am besten zu verstehen.( Ich bringe dir Gottheit ein Opferund erwarte Gottes Segen und Gnade in meinem Anliegen.) Die Opfer können unge-formte Naturalspenden, aber auch bildliche und figürliche Geschenke künstlerischer Artsein. Bis zur Reformation wurde vor allem auf mittelalterliche Weise gespendet. DerPrunk der Barockzeit wirkte sich dann auch auf die Entfaltung der Opfergaben aus.In der Aufklärung wurden sie wieder eingeschränkt. Vieles wurde ganz zum Verschwin-den gebracht. Die Erzeugnisse der letzten zwei Jahrhunderte haben sowohl an Zahl wiean künstlerischer Qualität sehr nachgelassen.( Abb. 9)
Erwähnungen in historischen Aufzeichnungen und Mirakelbüchern verschaffen unseine Vorstellung von der Vielfalt der Wallfahrtsopfer früherer Epochen. Die Natural-opfer erinnern an die alten Zinsgaben, wie sie die Untertanen der Herrschaft abgebenmußten. Viele dieser Gaben hatten weniger materiellen, mehr sinnbildlichen Charakter.Zu den Naturalgaben gehörten Flachs, Wolle, Geflügel, Eier, Fleisch usw. Dieser Gruppeder Naturalopfer steht das„, Wachsopfer" sehr nahe. Es wurde in jeder Form dar-gebracht, doch überwiegen die Kerzengaben. Von den Riesenkerzen, die bunt bemaltund kunstvoll bossiert sein konnten, bis zu den kleinen Kerzen für den Altar gab esauch noch funktionell gebundene, wie Sterbe-, Tauf- und Wetterkerzen usw. Sehr gernewurden auch Wachskrönlein und Votivgaben, wie menschliche Glieder, Körperteile,Innereien u. a. m. aus Wachs geformt. Mit diesen Spenden erhoffte man sich Glück undallenfalls Gesundheit für den kranken Körperteil. Die Votivgaben waren auch aus ande-ren Materialien gefertigt. In ältester Zeit etwa aus Holz oder später aus Silber undEisen. Aus diesen Stoffen wurden auch Haustiere gebildet und Abbildungen von Häu-sern, Bienenstöcken und dergleichen mehr. Bei den Pflanzenmotiven tritt in Nieder-österreich der Wein in den Vordergrund. So wurden vor allem im Weinviertel Wein-trauben aus Wachs geopfert. 47 Aus Ton formte man z. B. Kopfurnen, die mit Getreidegefüllt wurden.
Im Mittelpunkt aller Darstellungen steht meist das Bild der Gnadengestalt in einerurtümlich magischen Bedeutung. Der Stoff des Opfers wird nach dem Vermögen desSpenders und der Schwere des Falles bemessen.
45 R. Andree, Votive und Weihegaben des katholischen Volkes in Süddeutschland,Ein Beitrag zur Volkskunde. Braunschweig 1904.
40 L. Schmidt, Volkskunde von Niederösterreich, Bd. II( vgl. Anm. 34), S. 325 f.47 Ebenda, S. 351 ff.
43