26L I E B L I N G S O B J E K TVergissmeinnichtDas Vergissmeinnicht symbolisiert in derBlumensprache den Wunsch, in Erinnerungzu bleiben. Das gilt nicht nur für das per-sönliche Andenken an geliebte Menschen.Genauso können uns die kleinen – meistin der vorherrschenden blauen Variantevorkommenden und dargestellten – Blütenan schöne Momente in unserem Leben oderden Besuch besonderer Orte erinnern. Wiean eine Wallfahrt nach Maria Schutz beiSchottwien. Dieser Gnadenort im nieder-österreichischen Semmeringgebiet zogüber die Jahrhunderte unzählige Wallfah-rerinnen und Wallfahrer an. Bitten wurdenvorgebracht, Dankgebete gesprochen, einAndachtsbildchen erstanden. Besucherinnenund Besucher kommen weiterhin, sei es umeine Messe zu besuchen, Maria um Fürspra-che zu bitten oder aus kunst- und kultur-historischem Interesse. Allerdings führteder Bau eines Talübergangs dazu, dass derVerkehr seit 1989 über die hochgelegeneSchnellstraße an Maria Schutz vorbeifließtund das imposante Bauwerk der Wallfahrts-kirche dabei nur mehr selten eines Blickesgewürdigt wird.Eine Erinnerung an diesen Marien-wallfahrtsort hat sich auch in Form einessogenannten kleinen Andachtsbildes imVolkskundemuseum Wien erhalten. Unterden Tausenden von solchen Heiligen- undWallfahrtsbildchen habe ich dieses als Lieb-lingsobjekt ausgewählt, da die Umrahmungmit den Vergissmeinnichtblüten in schattie-renden Blautönen zwei Gedanken verbindet:auf die derzeitige Massendigitalisierung vonAndachtsbildern im Museum hinzuweisenund dem Wunsch, unserem Publikum wäh-rend der Schließzeit anlässlich der Gene-ralsanierung des Gartenpalais Schönborn inErinnerung zu bleiben.Sie wurden in Gebetbücher eingelegt, andie Innenseiten von Kastentüren und Tru-hendeckeln genagelt oder von Sammlerinnenund Sammlern in Dosen und Schachtelnaufbewahrt. Eine besondere Schutzfunk-tion erhoffte man sich von geweihten unddie Kultobjekte der Gnadenorte berührtenBildchen. Immer wieder findet man auf denBildrückseiten persönliche Widmungen mitDatierungen oder private Notizen wie zumBeispiel Geburts- und Sterbedaten.Die Erfindung der Lithografie zu Anfangdes 19. Jahrhunderts ermöglichte die preis-werte Herstellung solcher Bildchen in großenAuflagen. Wollte man die Bilder attrakti-ver gestalten, mussten sie aber weiterhinhändisch koloriert werden. Die Hell-Dun-kel-Lithografie brachte etwas Farbigkeit indie Darstellungen. Doch erst die sogenannteChromolithografie und die Einführung vonSchnellpressen lieferten ab 1860 farbigabgestufte Bildchen in hohen Auflagen beigleichbleibender Farbqualität, denen durchPrägedruck zusätzlich besondere Effekteverliehen wurden. Ein Beispiel dafür ist dasausgewählte Wallfahrtsandenken.Eine umfangreiche Kollektion kleinerAndachtsbilder, die 1950 vom Museum ange-kauft worden war, wird derzeit im Rahmeneines Projekts digitalisiert. So können die oftsehr fragilen und lichtempfindlichen Origi-nale geschützt im Depot gelagert werdenund gleichzeitig in Zukunft der Öffentlichkeitfür Forschungszwecke oder den persönli-chen Interessen zur Verfügung stehen. Viel-leicht ermuntern die ab September onlineeinsehbaren Darstellungen die Betrachterin-nen und Betrachter, sich die Zeit zu nehmenund jene Orte zu besuchen, an denen dieBildchen einst als Souvenirs feilgebotenworden sind.Nora WitzmannKuratorin, Bild-Druck-Papier