Abgestaubt
56. Jahrgang
Von Soll und Haben
Das Kassabuch desHugo Wolf- Vereins
Als 2009 in der Wienbibliothek imRathaus eine Ausstellung zu Hugo Wolfs150. Geburtstag am 13. März 2010 vorbe-reitet wurde, verneinte ich die Anfrage,ob sich im Archiv des VolkskundemuseumsMaterialien zu Hugo Wolf befinden, nachbestem Wissen und Gewissen. Erst Jahrespäter, als sich das Netzwerk an Personenund Ereignissen in meinem Kopf entspre-chend verdichtet hatte, erkannte ich, dasses sich bei einem abgegriffenen„ Cassa-buch im Oktavformat um etwas Besonde-res handelt.
Das Büchlein lag zuoberst auf demStapel mit den frühen Kassenbüchern undJournalen des Vereins für Volkskunde. DerBuchrücken ist eingerissen, die Blätter sindgebräunt, einige wurden herausgerissenund liegen lose bei. Das Buch wurde offen-bar intensiv verwendet, möglicherweisestetig mitgetragen und oftmals aus derInnentasche eines Gehrocks herausgezogenund wieder darin verstaut. Aber wie fand esseinen Weg in das Archiv des Museums?
Michael Haberlandt, Gründungsdirektordes Volkskundemuseums, war der Initia-tor der Gründung des Hugo Wolf- Vereins,welche am 13. Mai 1897 genehmigt wordenwar. Die Gründungsversammlung fandbereits am darauffolgenden Tag mit vierStifter* innen und 70 beitragenden Mit-gliedern statt. Der Zweck des Vereins wares, die Kompositionen Hugo Wolfs unterseinen Mitgliedern wie in der Öffentlichkeitbekannt zu machen. Auf den ersten Seitendes Kassabuchs mit gelisteten Namen lässtsich die Zusammensetzung der Mäzen* innenstudieren: wenig Adelige, dafür Unterneh-
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mer* innen, Selbstständige, hohe Beamte,Schriftsteller* innen, aber auch Künstler* in-nen wie die Hofopernsängerin Paula Mark.Etliche der Fördernden waren durch ver-wandtschaftliche Verhältnisse miteinanderverbunden, Wolf wurde im Freundeskreisoder im Personenkreis der jeweils gepfleg-ten Sommerfrische weiterempfohlen.
Nach Hugo Wolfs schwerer Erkrankungim September 1897 und seiner Einlieferungin Wilhelm Svetlins Nervenheilanstalt im3. Bezirk wurde Michael Haberlandt am4. Oktober 1897 zum provisorischen Kuratorernannt. Die Einträge im Kassenbuch doku-mentieren nun die Behandlungskosten, aberauch Aktivitäten wie die Veranstaltung vonKonzerten und das Kopieren von Noten.Die einnahmenseitige Situation wurde durcheine staatliche und eine kaiserliche Sub-vention verbessert. 1898 konnte Wolf dieHeilanstalt verlassen und in eine vom Vereinorganisierte und von der Familie Köchertausgestattete Wohnung in der Mühlgassein Wieden ziehen sowie letzte Reisen unter-nehmen. Im Oktober 1898, Wolf wohntezu dieser Zeit bei Melanie und HeinrichKöchert in Traunkirchen, verschlechtertesich sein Gesundheitszustand dramatisch.Er wurde nach Wien in die Niederöster-reichische Landesirrenanstalt im 9. Bezirküberstellt, wo er bis zu seinem Tod am22. Februar 1903 verblieb. Das Kassabuchdokumentiert das reduzierte Leben derletzten Jahre: Esswaren, Backwerk, Kom-pott, die Miete für ein Klavier am Zimmer,Trinkgelder für die persönlich zugeteiltenWärter- Einträge in einem erschütterndenZeitdokument.
Elisabeth Egger, Archiv