Heft 
56 (2021) 4
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56. Jahrgang

Tagung

Die Eigenen entwerfen.Ethnographische Fotografiein Europa im 19. und frühen20. Jahrhundert

Was war ethnografische Fotografie inEuropa im 19. und frühen 20. Jahrhundert?Die Aufnahme eines rumänischen Bauern-hauses in der Bukowina? Die Abbildungdiverser Produkte aus der galizischenHausindustrie auf( inter) nationalen Ausstel-lungen? Ein Blick in einen bosnischen Basar?Das Foto eines Mannes, dem auf der Straßedie Haare geschnitten werden? Die Nahauf-nahme eines Holzutensils zum Stricken vonFäustlingen vor weißem Hintergrund? Volks-typenaufnahmen Glossar ::: zum Glossareintrag typenaufnahmen wo immer aus Europa?Die Fotosammlung des VolkskundemuseumWien wurde Ende des 19. Jahrhunderts imSinne einer vergleichenden VölkerkundeEuropas angelegt. Der Fokus lag auf denGebieten der Habsburgermonarchie. DieMaterialien treten heute in einer sonderbaranachronistischen Eigenwilligkeit auf undwerfen vielfältige Fragen zu ihrem Zustan-dekommen und damit zur visuellen Ethno-grafie des Eigenen auf.

So wie die koloniale Ethnografie einBild der Anderen" entwarf, gingen Ethno-graf* innen und Volkskundler* innen inEuropa an die eigenen Bevölkerungeninnerhalb des Kontinents heran. Immerwird hier asymmetrisch gearbeitet, dieEthnograf* innen und die Fotograf* innenwaren es, die bestimmten, wie das Bildder Untersuchten aussah. Die Ethnografiedachte Volk" damals essenzialistisch. Sieentwarf primitivisierende und exotisierendeTypologien, zum Beispiel in Form sogenann-ter Volkstypen Glossar ::: zum Glossareintrag  Volkstypen- ein Genre fotografischerBilder, das weit über den engen wissen-

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schaftlichen Kontext hinaus zirkulierte undden unterschiedlichsten Anliegen dienenkonnte. In diesen Fotografien verflochtensich wissenschaftliche, politische und kom-merzielle Interessen und formten imaginäreBildräume, die in nationalistischen, impe-rialen, aber auch touristischen Diskursenihre Wirkungen entfalteten. Mit ihnen wurdeVerschwindendes bewahrt und verschie-denste Argumentationen gestützt. Es wurdeentschieden, wer in welcher Rolle zu sehenwar und wer unsichtbar blieb, und zwischenEigen und Fremd differenziert. Ethnogra-fische Fotografie bildete ihren Gegenstandab, konstruierte ihn aber auch mit. Sie trugzur Konstitution des wissenschaftlichenSubjekts eigenes Volk" bei.

Tagungsthema ist weniger das Motiv alsvielmehr die Genese und der Gebrauchdieser Fotografien. Wie verflechten sichdabei die Konstruktion, Produktion undVerwertung sowie vielfältige gekreuzteInteressen miteinander? Konstituiertendiese Bilder die Institutionen, Netzwerkeund Infrastrukturen mit, in denen sie undandere Medien zirkulierten? Wie wurdendie jeweiligen Typologien als gemeinsameAushandlungsflächen genutzt? Und wiegehen Museen und Archive heute mit die-sen Beständen um? Wie lassen sich solcheBilder überhaupt zeigen und ausstellen?

Mi, 1.12. bis Fr, 3.12.2021

Die Tagung findet hybrid statt: vor Ort im Volks-kundemuseum Wien und parallel online über Zoom.Tagungssprache ist Englisch.

Organisation: Herbert Justnik und Martin KeckeisEine Tagung des Volkskundemuseum Wien und desPhotoinstitut Bonartes