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Warum ein Glossar?



Dieses Glossar ist ein Arbeitsinstrument, das sich mit der Zeit weiterentwickeln wird. Es soll zentrale Begriffe behandeln, die für die Geschichte des Faches Volkskunde prägend und für die Bestände des Volkskundemuseum Wien bestimmend sind. Das Glossar kontextualisiert heute als problematisch erkannte und großteils abwertende Begriffe, die wir bewusst nicht mehr verwenden, und ordnet sie in deren Entstehungs- und Gebrauchsgeschichte ein.
Außerdem sind viele Begriffe der historischen Volkskunde und ihres gesellschaftlichen Umfelds, zum Beispiel Volk, Heimat, Brauch, Tracht, nicht neutral. Auf Grund ihrer affektiven und emotionalisierenden Qualitäten sind sie vielfältig ideologisch aufgeladen und genutzt.


Durch das Sammeln wurden auch im Volkskundemuseum Wien Kategorisierungen und (Zu-)Ordnungen vorgenommen, die bis heute Abgrenzungen schaffen und Identitäten formen. Die Bestände (Sammlungen, Bibliothek, Archiv) spiegeln Hierarchien und Bewertungen, die sich im Laufe der Jahrzehnte veränderten und immer noch verändern, wider. Durch die Bestände können also Perspektiven, eingeschriebene Gesellschaftsbilder sowie Machtverhältnisse nachvollzogen werden – wie zum Beispiel die Positionierung und der Blick der groß- und hauptstädtischen Akteur:innen des Volkskundemuseum in Wien auf unterschiedliche rurale Gebiete, Personen(gruppen) und Phänomene. Diese wurden mit Zuschreibungen wie „ursprünglich“, „echt“ oder auch „natürlich“ bzw. „primitiv“ versehen und als besonders sammelns- und bewahrenswert eingestuft. Dabei agierten die Vertreter:innen der Volkskunde auch im Rahmen zeitspezifischer Diskussionen und Strömungen, die aus heutiger Sicht als diskriminierend und herabwürdigend erkannt werden.

Das Glossar will diese Zusammenhänge sichtbar machen, denn Begriffe sind nie nur Werkzeuge der Beschreibung – sie beeinflussen Denken und Handeln. Sie schaffen Realitäten, indem sie bestimmte Vorstellungen als selbstverständlich erscheinen lassen, während andere ausgeblendet werden. Begriffe erklären sich aus dem Kontext ihrer Entstehungs- und Wirkungszeit heraus. Das gilt auch für die Volkskunde, die sich lange als „Kategorisierungsagentur“ des Eigenen und des Fremden verstanden hat, als solche auch gesellschaftlich und politisch nachgefragt war und damit bleibenden Einfluss genommen hat.

Das Team des Volkskundemuseum Wien ist sich der Problematiken seiner Sammlungen und Bestände bewusst und arbeitet konstant an der Erforschung, Darstellung und Kontextualisierung ebendieser. Auch in der Online Sammlung Plus geben wir im Rahmen unserer Möglichkeiten Hintergrundinformationen zu dem hier Gezeigten.

In der Museumsarbeit müssen pragmatische Entscheidungen getroffen werden, etwa die Verwendung von Kategorien zum Zweck der Erschließung und Auffindbarkeit der Bestände. Dabei sind wir so divers und inklusiv wie möglich – beispielsweise vermeiden wir die Begriffe „Mann“ und „Frau“ als Schlagwörter und verwenden stattdessen „Person, weiblich gelesen“ oder „Person, männlich gelesen“. Dies tun wir aus Respekt vor Menschen, die sich nicht in das binäre Geschlechtersystem einordnen bzw. von diesem nicht erfasst werden. In den Objektbezeichnungen und -beschreibungen werden aus historischen und pragmatischen Gründen dennoch die Begriffe „Mann“ und „Frau“ verwendet, wenn abgebildete Personen äußere Geschlechtsmerkmale aufweisen oder entsprechend den gültigen Geschlechterstereotypen bzw. gesellschaftlichen Vorgaben gekleidet sind.

So wie wir stets daran arbeiten, die Auswahl der Schlagwörter zu verfeinern, vervollständigen wir mit der Zeit dieses Glossar.

  • „Abendland“

    Der Begriff ist die deutsche Übersetzung des lateinischen „Okzident“ und wurde ab dem 16. Jahrhundert verwendet. Er beschreibt keine klar abgegrenzte geografische Region, sondern ist ein eurozentrisches Konzept, das eine kulturelle und religiöse Einheit suggeriert.

    Ab dem 18. Jahrhundert etablierte sich die Gegenüberstellung von „Abendland“ (dem Westen) und „Morgenland“ (dem Osten). Das „Abendland“ wurde dabei als christlich geprägter Raum verstanden, der sich von einem als islamisch und fremd wahrgenommenen „Anderen“ abgrenzte.

    Im 20. Jahrhundert erhielt der Begriff eine politische Dimension: Während der Zeit des Nationalsozialismus wurde die „Verteidigung des Abendlandes“ als antisemitisches Kampfkonzept gegen den Bolschewismus instrumentalisiert. Im Kalten Krieg wurde der Begriff auch genutzt, um sich vom kommunistischen Ostblock abzugrenzen.

    Seit den 2000er-Jahren wird „Abendland“ vor allem von rechten und rechtsextremen Gruppen in Deutschland und Österreich verwendet. Hier dient dieser Ausdruck oft als rassistischer und antimuslimischer Kampfbegriff.

  • „Annamit:in“, „annamitisch“

    Der Begriff ist eine veraltete, kolonial-administrative Sammelbezeichnung für Menschen aus der historischen Region „Annam“ in Französisch-Indochina in Südostasien. Die Region war eine Verwaltungseinheit des französischen Kolonialgebietes und erstreckte sich über die zentralen Landesteile des heutigen Vietnam.

    Der Name „Annam“ geht auf das chinesische Wort „An Nan“ zurück und wird häufig mit „befriedeter Süden“ wiedergegeben. Die Bezeichnung entstand im Kontext der chinesischen Herrschaft über das Gebiet und spiegelt eine externe Verwaltungsperspektive wider.

    Im 19. und 20. Jahrhundert gelangte der Begriff in den europäischen Sprachgebrauch. Insbesondere die französische Kolonialverwaltung verwendete die Fremdbezeichnung „Annamite“ hierarchisierend und pauschalisierend; teilweise wurde sie spezifisch für Menschen aus „Annam“, teils undifferenziert zur allgemeinen Bezeichnung für Vietnamesen bzw. Vietnamesinnen herangezogen.

  • „Arnaut:in“

    Der Begriff ist eine Fremdbezeichnung für Albaner:innen. Sie geht auf die türkische Bezeichnung „Arnavut“ (auch „Arnavud“) zurück, welche sich von der griechischen Fremdbezeichnung „arvanítis“ ableitet. „Arnavut“ bzw. „Arnavud“ wurde im Osmanischen Reich als offizielle ethnische Kategorie verwendet.

    Die Bezeichnung bezog sich auf Personen der sogenannten „Arnavudluk“-Region. Dieses historische Gebiet umfasste das heutige Albanien und Teile von Griechenland, Nordmazedonien sowie Montenegro, Kosovo und Serbien. Über das Sprechen eines albanischen Dialekts und die gesellschaftliche Organisation entlang von Verwandtschaftsverhältnissen wurde die dortige Bevölkerung als Einheit wahrgenommen. Sie galt im Osmanischen Reich als bemerkenswerte Kämpfer.

    Die türkische Fremdbezeichnung wurde insbesondere im 19. Jahrhundert durch europäische Autor:innen übernommen und etablierte sich auch im Deutschen. Dabei ist die Bedeutung nicht immer eindeutig: Manchmal wurden im Deutschen mit „Arnaut:innen“ muslimische Albaner:innen bezeichnet, manchmal albanische Soldaten im osmanischen Heer unabhängig der religiösen Zugehörigkeit. In europäischen Reiseberichten und Abenteuerromanen gehen mit dem Begriff stereotypisierende und teilweise abwertende Konnotationen einher – etwa Zuschreibungen von Brutalität, aber auch Tapferkeit.

    In den Sammlungen des Volkskundemuseum Wien befinden sich mit Messing belegte und mit Karneolen besetzte Ledergürtel, die im Inventarbuch und in der Literatur als „Arnautengürtel“ überliefert wurden.

  • „Barbar:in“, „barbarisch“

    Der Begriff „Barbar:in“ hat im Laufe der Geschichte vielfältige Bedeutungen angenommen und wurde oft als Gegenbegriff zu „zivilisierten“ Gruppen verwendet. Das Wort markiert damit Handlungen oder Menschen, denen eine besondere Brutalität zugeschrieben wird, die nicht den Normen einer „Zivilisation“ entsprechen würden.

    Ursprünglich stammt der Begriff aus dem Altgriechischen: „Bárbaros“ (5. Jahrhundert v. u. Z.) ahmt mit der Silbenwiederholung „bar“ oder „br“ ein unverständliches Sprechen nach. Im Deutschen tauchte das Wort um 1400 auf und bezeichnete zunächst „Fremde“, „Heiden“ oder Angehörige nichtchristlicher Religionen.

    In der Antike nutzten die Griech:innen den Begriff für Menschen, die kein Griechisch sprachen oder andere Göttheiten verehrten – etwa Ägypter:innen, Kelt:innen, Perser:innen oder Skyth:innen. Wer sich jedoch der griechischen Sprache und Religion anpasste, konnte in die Gesellschaft integriert werden.

    Die Römer:innen übernahmen den Begriff als „barbarus“ und wandten ihn auf Völker außerhalb der griechisch-römischen Welt an, etwa Slaw:innen, Balt:innen oder German:innen. Zunächst neutral, entwickelte der Begriff bald wertende Bedeutungen: Er konnte sowohl abwertend („unzivilisiert“, „wild“) als auch positiv („tapfer“, „kriegerisch“) gemeint sein.

  • „Brauchtum“

    Dieser ideologisch aufgeladene Begriff fasst willkürlich Bräuche zusammen, die sehr oft nichts miteinander zu tun haben. Bräuche sind wiederkehrende soziale Handlungen, die Menschen gemeinsam ausüben und die sich im Laufe der Zeit verändern. Der Begriff „Brauchtum“ erweckt den Eindruck, dass Bräuche aus einer ursprünglichen, noch heilen und von der Natur bestimmten vergangenen Lebenswelt stammen würden.

    Im 19. Jahrhundert nutzten nationalistische Bewegungen Bräuche, um scheinbare kulturelle Gemeinsamkeiten zu betonen und eine demnach homogene Gemeinschaft zu konstruieren. Besonders deutschnationale und völkische Ideologien bezogen sich dabei auf einen vermeintlichen germanischen Ursprungsmythos und behaupteten unter anderem, dass Fastnachtsbräuche den „Winter austreiben“ sollten, obwohl sie tatsächlich aus einem höfischen Kontext stammen.

    Als junge Wissenschaft bewertete und normierte die Volkskunde Bräuche. Sie idealisierte und prägte so ein romantisierendes Bild zum Beispiel vom sogenannten „Bauerntum“. Gleichzeitig sollten gewisse – von der Volkskunde als althergebracht und wertvoll bewertete – Bräuche unverändert erhalten und bewahrt werden.

    Regionale Bräuche sind heute identitätsstiftend und werden auch für touristische Zwecke genutzt.

  • „Buschmann“, „Buschleute“

    Der Begriff ist eine abwertende koloniale Fremd- und Sammelbezeichnung für verschiedene Gesellschaften von Jäger:innen und Sammler:innen im südlichen Afrika. Je nach Kontext und kolonialen Interessen wurde der Begriff „Buschmann“ – selten auch „Buschleute“ – enger oder weiter gefasst.

    Die Fremdbezeichnung stammt ursprünglich aus dem niederländischen Kolonialkontext des 17. Jahrhunderts. Sie geht wahrscheinlich auf das Wort „Bosjemans“ zurück, das in etwa „Leute, die im Busch leben“ bedeutet. Damit wird ein assoziativer Zusammenhang mit einer vermeintlichen „Naturverbundenheit“ und „Ursprünglichkeit“ hergestellt. Solche Zuschreibungen stützten koloniale Weltbilder, in denen Afrika mit „Natur“ und Europa mit „Kultur“ in Verbindung gebracht wurden. Der Begriff wurde fast ausschließlich in der männlichen Form gebraucht.

    Auch der Alternativbegriff „San“ ist eine homogenisierende und teilweise abwertende Bezeichnung von außen. Im 16. und 17. Jahrhundert grenzten sich damit die viehhaltenden Khoikhoi (siehe „Hottentotten“) von Jäger:innen und Sammler:innen ab. Die Unterscheidung zwischen sesshaften und mobilen Gesellschaften wurde von den Kolonisator:innen aufgegriffen und diente der Machtlegitimation und Beherrschung.

  • „Dritte Welt“

    Der Begriff „Dritte Welt“ ist eine veraltete Sammelbezeichnung für Länder in Afrika, Asien, Lateinamerika und Ozeanien. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts diente er zur pauschalisierenden Einteilung der Welt in ein Schema („Drei-Welten-Modell“). Die Bedeutung veränderte sich im Laufe der Zeit:

    Ursprünglich – in den 1950er Jahren – bezeichnete „Dritte Welt“ die blockfreien Staaten während des Kalten Krieges. Der Begriff grenzte diese Staaten von einer sogenannten „Ersten Welt“ (westlich-kapitalistische Industriestaaten) und einer „Zweiten Welt“ (östliche Industriestaaten sozialistischer Prägung) ab.

    Später erlangte die Bezeichnung eine zusätzliche entwicklungspolitische Bedeutung und wurde für nicht industrialisierte und ökonomisch nicht international wettbewerbsfähige Länder verwendet. Dadurch wurde der Begriff abwertend. Spätestens seit dem Zerfall der Sowjetunion – und damit dem Wegfall der „Zweiten Welt“ als Kategorie – wurde die Bezeichnung „Dritte Welt“ häufig hierarchisch verstanden, als vermeintliches Gegenüber zu einer führenden „westlichen Welt“.

    Der Ausdruck suggeriert, dass sehr unterschiedliche Länder und Regionen eine homogene Gruppe bilden würden, welcher politische und wirtschaftliche „Unterentwicklung“ zugeschrieben wird; damit gehen verallgemeinernde Assoziationen und gesellschaftliche Vorstellungen von Armut, Kriminalität und Hilflosigkeit einher.

    Ab den 1990er Jahren wurde der Begriff – zuerst in Wissenschaft und Politik – zunehmend durch „Entwicklungsländer“ oder „Globaler Süden“ ersetzt. Jedoch sind auch diese Begriffe nicht neutral und wirken verallgemeinernd. In der Alltagssprache ist der Begriff „Dritte Welt“ zum Teil heute noch präsent.

  • „Dunkelhäutig“

    Mit diesem Begriff werden Menschen abwertend eingeordnet. Diese Einordnung fußt auf sozialen und politischen Konstruktionen von Zugehörigkeit. Diese dienen dazu, die Ablehnung, Ausbeutung und Unterdrückung von Menschen moralisch zu rechtfertigen.

    Die Einteilung von Menschen nach der Pigmentierung der Haut war ein zentraler Bestandteil kolonialer Machtstrukturen. Die herabwürdigende Hierarchisierung sowie die Gegenüberstellung des „hellen“ Eigenen und des „dunklen“ Anderen wurden auch vom NS-Regime herangezogen.

    Zudem dient die Diskriminierung durch die Einordnung in ein System von Hautfarben im heutigen Sprachgebrauch häufig als Ersatz für die falschen Vorstellungen von „Menschenrassen“.

  • „Eskimo“

    Der Begriff ist eine Fremdbezeichnung für verschiedene indigene Gesellschaften in den (sub-)arktischen Regionen. Er entstand im Kontext des europäischen Kolonialismus, wurde rassistisch geprägt und weltweit verbreitet.

    Ursprünglich nutzten die Cree, ein indigenes Volk Nordamerikas, diesen Begriff, um andere Gesellschaften im (sub-)arktischen Raum – etwa in Alaska, Grönland, Kanada oder Sibirien – zu benennen. Für die Cree diente er der Abgrenzung von nicht verwandten Gruppen. Die genaue Bedeutung des Wortes ist unklar; mögliche Deutungen sind „Schneeschuhknüpfer:innen“ oder „Menschen mit einer anderen Sprache“. Eine Fehlübersetzung als „Rohfleischesser:innen“ trug später zur negativen Konnotation bei.

    Europäer:innen fassten unter diesem Begriff alle Gesellschaften der (sub-)arktischen Regionen zusammen und wiesen ihnen pauschalisierende, oft klischeehafte Eigenschaften zu.

    Heute lehnen viele indigene Gesellschaften in Nord- und Nordostkanada sowie in Grönland die Bezeichnung „Eskimo“ als Diskriminierung ab. In Alaska und Sibirien wird der Begriff von einigen Gruppen jedoch weiterhin verwendet, da sie sich nicht als „Inuit“ bezeichnen – ein Begriff, der nicht aus ihren eigenen Sprachen stammt.

  • „Exot:in“, „exotisch“, „Exotik“

    Der Begriff „exotisch“ wurde seit dem 20. Jahrhundert vor allem aus europäischer Sicht verwendet, um Menschen zu beschreiben, die in der tropischen Klimazone leben. Dabei handelt es sich um eine stereotypisierende und rassistisch geprägte Darstellung, die sowohl negative als auch vermeintlich positive Zuschreibungen transportiert. Negative Klischees umfassen etwa Faulheit oder falsches Verhalten, während scheinbar positive Attribute wie Freizügigkeit, Naivität, Schönheit oder Emotionalität ebenfalls stereotypisierend sind und sexualisierend sowie abwertend wirken können.

    Diese Darstellung nichtwestlicher Menschen als „andere“ steht der westlichen Selbstdarstellung gegenüber, die sich als überlegen, zivilisiert und selbstbeherrscht inszeniert. Mit der Zeit weitete sich der Begriff auf immer mehr Menschen aus, die aus eurozentrischer Perspektive als „anders“ konstruiert wurden.

  • „Fellache/Fellachin“

    Dieser deutsche Begriff bezeichnet die Ackerbauern bzw. -bäuerinnen im Nahen Osten, besonders in Ägypten, Westjordanland und dem Gazastreifen. Er grenzt die sesshaften Ackerbauern bzw. -bäuerinnen von nomadischen, Viehzucht betreibenden Beduin:innen sowie von der städtischen Bevölkerung ab.

    Der Begriff geht auf das arabische Wort „fallāḥ“ zurück, das „Pflüger“ bedeutet und vom Verb „falaḥa“ („pflügen“) abgeleitet ist.

    Während des europäischen Kolonialismus wurde der Begriff ins Deutsche übernommen und auf Ackerbauern bzw. -bäuerinnen im gesamten Nahen Osten und in Nordafrika ausgeweitet. Die Kolonisator:innen konstruierten die Fellach:innen als „Naturvolk“ und stellten sie dem „Kulturvolk“ der „Alten Ägypter“ gegenüber.

    Dadurch nahm das Wort im deutschen Sprachgebrauch, auch wenn es ursprünglich vermeintlich neutral besetzt war, eine herabwürdigende oder exotisierende Bedeutung an. Damit werden Menschen auf Klischees reduziert und ihre individuelle und kulturelle Vielfalt wird ignoriert.

  • „Häuptling“

    Der Begriff ist eine Fremdbezeichnung mit kolonialem Ursprung. Er wurde vor allem für Oberhäupter indigener Gesellschaften in Afrika, Amerika und Ozeanien genutzt.

    Die Endung „-ling“ verleiht dem Wort eine abwertende, verharmlosende Wirkung. Damit wurde die Position des Oberhaupts als weniger bedeutsam dargestellt. Der Begriff impliziert, dass die Herrschaftsformen außereuropäischer Gesellschaften unterlegen seien – im Gegensatz zu europäischen Regierungsmodellen. Diese Sichtweise ist eurozentrisch und reproduziert rassistische Klischees. Sie diente dazu, indigene Oberhäupter bewusst nicht mit europäischen Führungsfiguren wie Landesfürst:innen gleichzustellen.

    Europäer:innen verwendeten den Begriff, ohne die tatsächlichen sozialen oder politischen Funktionen der so Bezeichneten zu kennen. In manchen Fällen setzten Kolonialmächte sogar willkürlich Personen als „Häuptlinge“ ein, um lokale Machtstrukturen zu manipulieren oder zu zerstören.

    Obwohl der Begriff rassistisch geprägt ist, wird er bis heute verwendet – etwa in Literatur oder Filmen. Zudem dient er manchmal dazu, Politiker:innen gezielt herabzuwürdigen, indem die negativen Assoziationen des Wortes auf sie übertragen werden.

  • „Heide/Heidin“, „heidnisch“, „Heidentum“

    Der Begriff „Heide“ bzw. „Heidin“ hat eine komplexe Geschichte und wurde nicht von Anfang an abwertend verwendet.

    Der althochdeutsche Begriff „heidan“ entstand im 8. Jahrhundert und bezeichnete „zum fremden (nichtchristlichen) Volk gehörig, auf dem freien, unbebauten Lande“ bzw. „auf der Heide“ lebend. Der neuhochdeutsche Begriff „Heide“ bzw. „Heidin“ bildete sich im 14. Jahrhundert heraus. Ab dem 16. Jahrhundert wurde dieser Begriff verwendet, um Andersgläubige abwertend zu bezeichnen. Während des europäischen Kolonialismus gewann die christliche Missionierung erneut an Bedeutung. Damit einher ging die Abwertung bis hin zur Auslöschung autochthoner Glaubenssysteme in den kolonisierten Gebieten.

    Heute gilt der Begriff „Heide“ bzw. „Heidin“ in der Kirche als veraltet. In den letzten Jahrzehnten verwenden einige esoterische Strömungen den Begriff „Heidentum“ für sich, um sich von monotheistischen Weltreligionen abzugrenzen.

  • „Hottentotten“

    Der Begriff ist eine abwertende koloniale Fremd- und Sammelbezeichnung für mehrere Gesellschaften im heutigen Namibia und Südafrika. Er wurde besonders für die Khoikhoi-Gruppen verwendet; zu diesen zählen unter anderem die Gesellschaften der Nama, Korana und Griqua. In der kolonialen Kategorisierung wurden allerdings nur jene als „Hottentotten“ bezeichnet, die Viehwirtschaft betrieben. Davon abgegrenzt waren Jäger:innen und Sammler:innen, für die die ebenfalls abwertende Bezeichnung „Buschmänner“ verwendet wurde. Je nach Kontext und kolonialen Interessen wurde der Begriff „Hottentotten“ enger oder weiter gefasst.

    Die Fremdbezeichnung stammt aus dem niederländischen Kolonialkontext und wurde ursprünglich von europäischen Siedler:innen (u. a. Bur:innen) im 17. Jahrhundert verwendet. Zur Entstehung gibt es mehrere Erklärungen: Beispielsweise bedeutet „hottentots“ im Dialekt des Afrikaans das „Gestotter“ oder der „Stotterer“. Aus europäischer Perspektive könnten die Klick- und Schnalzlaute der Khoikhoi-Sprachen als Gestotter empfunden und dahingehend die Bezeichnung etabliert worden sein. Andere Erklärungsansätze gehen davon aus, dass Kolonisator:innen versuchten, den Klang der Laute zu imitieren. Der Begriff wird abwertend, rassistisch und diskriminierend verwendet.

    In der Kolonialzeit ging er mit stereotypen Zuschreibungen einer vermeintlichen „Rückständigkeit“ einher, welche die Kolonialpolitik legitimierte. Ab dem 19. Jahrhundert wurden die Khoikhoi nicht nur ausgebeutet, sondern auch rassistisch zur Schau gestellt und beforscht.

    Die Fremdbezeichnung „Hottentotten“ wurde in den deutschen Kolonialkontext und die deutsche Sprache übernommen.

    Die negative Bedeutungsebene des Begriffs wird auch im übertragenen Sinne zur Diffamierung von Personen oder zur Bezeichnung von „Chaos“ oder „Unordnung“ verwendet. Beispielhaft dafür ist die Redewendung: „Hier geht es ja zu wie bei den Hottentotten.“

  • „Indianer:in“

    Der Begriff ist eine eurozentrische Fremdbezeichnung für Gesellschaften Amerikas während und nach der sogenannten Entdeckung. Er entstand durch einen Irrtum: Christoph Kolumbus glaubte 1492, Indien erreicht zu haben.

    Europäische Kolonisator:innen ignorierten die vielfältigen Selbstbezeichnungen der autochthonen Völker – wie etwa Cree, Navajo, Lakota, Cherokee oder Okanagan – und fassten sie unter diesem verallgemeinernden Begriff zusammen. Dabei wurden die Gesellschaften pauschal und ohne Rücksicht auf ihre spezifischen Unterschiede betrachtet.

    Die Fremdbezeichnung wurde zudem mit rassistischen und klischeehaften Zuschreibungen verbunden. Diese reichten von abwertenden Vorstellungen – wie „kriegerisch“ oder „unzivilisiert“ – bis hin zu romantisierenden Bildern, etwa der Idee des „edlen Wilden“ oder einer vermeintlich besonders „naturverbundenen“ Lebensweise.

    Der Begriff ist untrennbar mit der gewaltsamen Kolonialgeschichte verbunden: mit der Ermordung, Vertreibung, Ausbeutung, Versklavung und Zwangsmissionierung der autochthonen Gesellschaften in den Amerikas.

    Die koloniale Verallgemeinerung unter diesem Begriff prägt bis heute die soziale Position der betroffenen Menschen. In den USA ist „Native Americans“ heute eine gängige Bezeichnung, in Kanada „First Nations“.

  • „Jungfrau“, „Jungfer“

    Der Begriff „Jungfrau“ hat über die Jahrhunderte einen Bedeutungswandel erfahren.

    Ursprünglich kommt er vom mittelhochdeutschen Wort „junc-vrouwe“ und diente als standesgemäße, ehrenvolle Bezeichnung für eine junge, unverheiratete Adlige. Gemäß den sozialen Normen dieser Zeit wurde implizit vorausgesetzt, dass diese Frau keine sexuellen Erfahrungen hatte.

    In der frühen Neuzeit erweiterte sich die Verwendung des Begriffs auch auf andere soziale Schichten, während sich seine Bedeutung hin zu einer Bezeichnung für eine sexuell unberührte Frau verengte.

    Dabei spielten religiöse und patriarchale Moralvorstellungen eine wichtige Rolle: Junge Frauen sollten ohne sexuelle Erfahrungen in die Ehe eintreten, da Geschlechtsverkehr ausschließlich zur Fortpflanzung innerhalb der Ehe als legitim galt. Ziel war die Reglementierung und Normierung weiblicher Sexualität.

    Auch die Verehrung von Maria, der Mutter Jesu, war überaus einflussreich. Durch ihre Bezeichnung als „Jungfrau Maria“ wurde sexuelle Enthaltsamkeit als religiöse Tugend verstärkt. Der Glaube daran, dass sie bei der Geburt von Jesus noch Jungfrau und daher die Geburt ein Wunder gewesen sei, setzte sich früh in der Kirche durch, obwohl es bis heute Gegenstimmen gibt. Ob Maria auch in ihrer Ehe mit Josef „Jungfrau“ geblieben sei, war und ist immer wieder heftig umstritten. Luther lehnte ihre Verehrung als „immerwährende Jungfrau“ ab, weil ihr dadurch zu viel Bedeutung beigemessen werde. Dahingegen bekräftigte das Konzil von Trient 1546 die „immerwährende Jungfräulichkeit“ als dogmatische Lehre.

    Diese Debatte wirkte sich gesamtgesellschaftlich aus: Die Betonung der Jungfräulichkeit bekräftigte die bestehende Sexualitätsfeindlichkeit, unter der hauptsächlich Frauen zu leiden hatten. Das führte dazu, dass Frauen vor allem dann Achtung entgegengebracht wurde, wenn sie enthaltsam lebten. Unter den als heilig verehrten Personen finden sich neben ein paar Märtyrerinnen kaum verheiratete Frauen – sie waren entweder Jungfrauen oder Witwen.

    Heute bezeichnet der Begriff Menschen jeglichen Geschlechts und Alters ohne sexuelle Erfahrungen, wobei er sich nach wie vor insbesondere auf Frauen bezieht. Gleichzeitig hat sich die gesellschaftliche Bewertung verändert: Sexuelle Aktivität wird ab einem gewissen Alter eher als gesellschaftliche Norm angesehen. Besonders die Bezeichnung „alte Jungfer“ wird bis heute abwertend für ältere, unverheiratete Frauen verwendet.

  • „Krüppel“

    Der Begriff ist eine veraltete und abwertende Bezeichnung für Menschen mit körperlicher Behinderung, insbesondere bei geschädigten oder fehlgebildeten Gliedmaßen. Er ist historisch eng mit Vorstellungen einer gesellschaftlichen Randstellung, sozialen Elends und Hilflosigkeit verbunden. Der Begriff wurde und wird zudem als Schimpfwort verwendet.

    Im 18. und 19. Jahrhundert war „Krüppel“ im Deutschen ein negativ konnotierter Begriff der Alltagssprache. Ursprünglich bezog er sich vor allem auf eine körperliche Abweichung, erhielt jedoch später auch eine soziale Bedeutung und etablierte sich als sozialpolitische Kategorie. Er wurde in Statistiken oder im Rahmen der institutionellen Fürsorge verwendet („Krüppelfürsorge“, „Krüppelheim“). Der Fokus lag auf der Erlangung wirtschaftlicher Arbeits- und Erwerbsfähigkeit; die abwertende Bedeutungsebene wurde dabei in Kauf genommen. Im Verlauf des 20. Jahrhunderts wurde der Begriff in Verwaltung und Fachsprache durch andere Begriffe ersetzt, blieb jedoch als umgangssprachliches Schimpfwort oder Beleidigung präsent.

    Die punktuelle Verwendung als Selbstbezeichnung ging oft mit Versuchen der positiven Umdeutung und politischen Selbstermächtigung einher. Beispielsweise wurde in der Zwischenkriegszeit die „Erste österreichische Krüppelarbeitergemeinschaft“ (1926–1938) als Selbsthilfegruppe gegründet; unter Betroffenen führte dies zu Diskussionen über die stigmatisierende Bedeutung des Begriffs „Krüppel“ und mögliche Alternativen. Auch im Umfeld der Behindertenbewegung in den 1970/80er Jahren wurde vereinzelt versucht, sich den Begriff strategisch anzueignen. Ähnliche Umdeutungsversuche gibt es heute mit der englischen aktivistischen Bezeichnung „crip“.

  • „Lappe/Lappin“, „Lappland“

    Der Begriff ist eine veraltete und abwertende Fremdbezeichnung für Angehörige der indigenen Gruppe der Sámi (dt. auch Same bzw. Samin oder Samen). Die meisten Sámi leben heute in einem Gebiet, das sich über Norwegen, Schweden, Finnland sowie die zu Russland gehörige Kola-Halbinsel erstreckt und als Sápmi bezeichnet wird. Ein wesentliches Zugehörigkeitsmerkmal sind die samischen Sprachen, die Teil der finno-ugrischen Sprachfamilie sind. Auch die geographische Bezeichnung „Lappland“ leitet sich von der Fremdbezeichnung ab.

    Der etymologische Ursprung der Fremdbezeichnung ist nicht eindeutig geklärt. Sie wurde nicht nur im allgemeinen Sprachgebrauch in Skandinavien verwendet, sondern auch im übrigen Europa bis in das 21. Jahrhundert. Meist gingen damit pauschalisierende, stereotypisierende oder romantisierende Zuschreibungen von „naturverbundenen“ Menschen der nördlichen europäischen Peripherie einher. Zur Verbreitung der Fremdbezeichnung trug unter anderem das Werk Lapponia (1675) des deutsch-schwedischen Gelehrten Johannes Schefferus (1621–1679) bei. Im Rahmen der sogenannten „Lappologie“ wurden die Sámi von außen beschrieben und klassifiziert. Dies ging vielfach mit Fremdbestimmung, Bevormundung und Interessen der Nationalstaaten Fennoskandinaviens einher. In Schweden wurden Anfang des 20. Jahrhunderts Vermessungen und rassistische Studien durchgeführt, die die Sámi innerhalb einer Evolutionshierarchie einordneten. Besonders bedeutsam war dabei das 1922 gegründete staatliche Institut für „Rassenbiologie“.

    In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstand durch verstärkte Vernetzung untereinander sowie kulturelle und politische Initiativen eine überregionale und internationale samische Identität. In diesem Zusammenhang wurde die Fremdbezeichnung zunehmend abgelehnt und als abwertend empfunden. Es setzte sich die Eigenbezeichnung Sámi durch – abhängig von diversen Sprachdialekten auch Samit, Samek oder Sápmelaš. Zuerst fand dieser Prozess in Fennoskandinavien statt und griff später auch auf andere sprachliche Kontexte über.

    In der deutschen Sprache bezeichnet „Lappen“ zudem ein kleines Stück Stoff oder Leder; daraus entwickelte sich auch eine abwertende Bedeutung für einen kraftlosen, unbedeutenden oder kognitiv eingeschränkten Menschen. Eine gemeinsame Etymologie mit der Fremdbezeichnung für die ethnische Gruppe der Sámi ist nicht belegt.

  • „Liliputaner:in“

    Der veraltete Begriff geht auf den Roman Gulliver’s Travels (1726) des irischen Schriftstellers Jonathan Swift (1667–1745) zurück. In diesem reist die Hauptfigur Gulliver in das fiktive Land Liliput, dessen Bewohner:innen ca. 15 Zentimeter klein sind und Gulliver daher als Riesen wahrnehmen.

    In der Form ist der Begriff seit Ende des 18. Jahrhunderts im Deutschen als vermeintlich neutrale Bezeichnung für kleinwüchsige Menschen nachweisbar. Im 19. Jahrhundert entwickelte er sich zu einer allgemeinen Bezeichnung, die aber vor allem in der Schausteller:innen- und Zirkuswelt als Werbebegriff Verwendung fand. Seit dem späten 20. Jahrhundert wird die Herabwürdigung durch den Gebrauch des Begriffs wahrgenommen.

  • „Mischehe“

    Der Begriff bezieht sich auf Ehen zwischen Menschen, die sich in ihrer Religionszugehörigkeit, Sprachgruppe, Nationalität, Ethnizität oder in biologistisch konstruierten „Rassen“-Kategorien unterscheiden.

    Im deutschsprachigen Raum diente der Begriff bis ins 18. Jahrhundert vor allem zur Beschreibung von Ehen zwischen evangelischen und katholischen Partner:innen. In Österreich wurde er zudem für bilinguale oder binationale Ehen innerhalb der k. u. k. Doppelmonarchie Österreich-Ungarn genutzt.

    Ab dem 19. Jahrhundert gewann die Debatte um solche Ehen an politischer und emotionalisierter Brisanz.

    Mit den rassistischen Nürnberger Gesetzen von 1935 wurden Ehen zwischen als „arisch“ eingestuften Menschen und als „nicht-arisch“ diffamierten Jüdinnen und Juden verboten. Kurz darauf wurde das Verbot vom NS-Regime auch auf Roma bzw. Romnja, Sinti und Schwarze Menschen ausgeweitet.

    Heute ist dieser Begriff rechtlich obsolet. In der Alltagssprache wird er vereinzelt noch verwendet.

  • „Mischling“

    Der Begriff ist in Bezug auf Menschen eine rassistische, antisemitische, entmenschlichende und biologistische Bezeichnung, die im 18. Jahrhundert in Zusammenhang mit der aufkommenden sogenannten „Rassentheorie“ aus der Tierzucht auf Menschen übertragen wurde. Im kolonialen Kontext diente der Begriff der rassistischen Abwertung von Menschen mit sowohl kolonialisierenden als auch autochthonen Vorfahren. Diese Praxis schuf neue soziale Kategorien wie „Mulatt:in“ und „Mestiz:in“.

    Der Begriff wurde auch zur Benennung von Kindern aus interreligiösen, binationalen oder interregionalen Beziehungen und Ehen verwendet.

    Während des Ersten Weltkriegs wurde der Begriff auch auf Kinder Schwarzer Soldaten und „weißer“ Frauen in Europa ausgeweitet.

    Durch das NS-Regime spitzte sich die im 19. Jahrhundert konstruierte Vorstellung von „Menschenrassen“ zu und fand Niederschlag im NS-Rechtssystem.

    In der Alltagssprache taucht dieser Begriff trotz seiner rassistischen Konnotation vereinzelt noch auf.

  • „Mohammedaner:in“

    Der Begriff ist eine veraltete und herabwürdigende Fremdbezeichnung für Menschen islamischen Glaubens. Dieser Begriff wurde genutzt, um den Gegensatz zwischen Christus und Mohammed im Glauben zu betonen und damit Muslim:innen abzuwerten. Dabei wurde angenommen, dass Muslim:innen Mohammed so verehren wie Christ:innen Jesus Christus. Tatsächlich beten Muslim:innen Mohammed nicht an, sondern betrachten ihn als Propheten, der die Botschaft Gottes übermittelt hat. Christ:innen hingegen sehen in Jesus den Sohn Gottes bzw. Gott selbst.

    In den Beständen des Volkskundemuseum Wien wird der Begriff hauptsächlich im Kontext der Beschäftigung mit Südosteuropa sowie der Märchenforschung verwendet.

  • „Mohr:in“

    Das Wort ist eine veraltete, meist abwertend gebrauchte Bezeichnung für Schwarze Menschen. Das deutsche Wort, das bereits im Althochdeutschen belegt ist, geht auf die Antike zurück, in der mit „Mauroi“ (Altgriechisch) bzw. „mauri“ (Lateinisch) spezifisch die Bewohner:innen Mauretaniens und Äthiopiens bezeichnet wurden und darüber hinaus pauschalierend alle Schwarzen Menschen.

    Die ursprüngliche Herkunft des Wortes ist ungeklärt. Es leitet sich möglicherweise direkt vom altgriechischen Begriff „mauros“ ab, was „dunkel“ bedeutet. Oder es kommt von den berberischen Wörtern „amur“ und „tamurt“, welche so viel wie „Land der Heimat“ heißen.

    Durch die Islamisierung von Teilen Nordafrikas wurden von „Mauroi“ bzw. „mauri“ abgeleitete Begriffe in vielen Sprachen ausschließlich für die dort lebenden Muslim:innen verwendet. Im Deutschen entwickelten sich daraus „Mohr:innen“ und „Maur:innen“, die nicht synonym verwendet wurden.

    Ab dem 16. Jahrhundert wurde „Mohr:in“ nicht mehr nur für Menschen aus Mauretanien oder Äthiopien verwendet, sondern verallgemeinernd und stereotypisierend für Schwarze Menschen, mit rassistischer, abwertender Konnotation.  Ab dem 18.  Jahrhundert wurde der Begriff zunehmend durch das N-Wort ersetzt. Trotz antirassistischer Bemühungen ist die rassistische Fremdbezeichnung auch heute noch im Sprachgebrauch, etwa als Produkt- oder Markennamen.

  • „Morgenland“

    Der Begriff ist ein westeuropäisches Konzept, das eine nicht klar abgrenzbare Region pauschal zusammenfasst. Ab dem 18. Jahrhundert wurde der Begriff als Übersetzung des lateinischen Wortes „Orient“ benutzt.

    Dieses Konzept diente dazu, das vermeintlich homogene, christliche Europa von einem als gegensätzlich konstruierten „Anderen“ abzugrenzen.

    Aus dieser Perspektive entwickelte sich die Orientalistik, eine philologische Disziplin, die sich neben sprachlichen auch mit den geografischen, politischen und kulturellen Kontexten beschäftigte, die unter dem Begriff „Morgenland“ zusammengefasst wurden.

    Heutzutage gilt der Begriff als veraltet.

    In den Sammlungen des Volkskundemuseum Wien ist der Begriff auf christlichen Devotionalien im Kontext der „Heiligen Drei Könige aus dem Morgenlande“ vorrangig verwendet. Weiters findet er sich in den Beständen in Bezug auf die Märchenforschung sowie als regionale, religiöse und kulturelle Demarkation für islamische, arabische und asiatische Kontexte in Vorder- und Mittelostasien, Nordafrika sowie Südosteuropa.

  • „Naturvolk“

    Der Begriff ist eine veraltete und oft abwertende Bezeichnung, der in der Ethnologie nicht mehr verwendet wird. Er spiegelt europäische Vorstellungen über nichtindustrialisierte, indigene Gesellschaften wider. Viele europäische Gesellschaften sahen sich selbst im Gegensatz dazu als „Kulturvölker“ an.

    Diese mitunter idealisierte und immer stark vereinfachende Vorstellung zeigte jedoch vor allem das mangelnde Wissen der Europäer:innen über die tatsächliche Lebensweise und Vielfalt dieser Gesellschaften. Der Vergleich zwischen „Kulturvölkern“ und „Naturvölkern“ diente in Europa selbst oft als Kritik an der Industrialisierung, die als Bedrohung für die bisherigen, als wertvoll und „eigen“ angesehenen Zustände wahrgenommen wurde.

  • „Okzident“

    Dieser Begriff ist ein europäisches Konzept, das eine nicht klar abgrenzbare Region pauschal zusammenfasst. Sein Ursprung liegt in der antiken römischen Einteilung der Welt in vier Himmelsrichtungen: Septentrio (Norden), Meridies (Süden), Occidens (Westen) und Oriens (Osten). Der Okzident – abgeleitet vom lateinischen „occidēns“ („untergehen“) – bezeichnete für die Römer:innen die Richtung, in der aus ihrer Perspektive die Sonne unterging. Im 18. Jahrhundert wurde er mit „Abendland“ ins Deutsche übersetzt.

    Dieses Konzept diente dazu, das vermeintlich homogene, christliche Europa von einem als gegensätzlich konstruierten „Anderen“ abzugrenzen.

  • „Orient“

    Dieser Begriff ist ein europäisches Konzept, das eine nicht klar abgrenzbare Region pauschal zusammenfasst. Sein Ursprung liegt in der antiken römischen Einteilung der Welt in vier Himmelsrichtungen: Septentrio (Norden), Meridies (Süden), Occidens (Westen) und Oriens (Osten). Der Orient – abgeleitet vom lateinischen „oriēns“ (aufgehen) – bezeichnete für die Römer:innen die Richtung, in der aus ihrer Perspektive die Sonne aufging. Im 18. Jahrhundert wurde er mit „Morgenland“ ins Deutsche übersetzt.

    Dieses Konzept diente dazu, das vermeintlich homogene, christliche Europa von einem als gegensätzlich konstruierten „Anderen“ abzugrenzen.

    Aus dieser Perspektive entwickelte sich die Orientalistik, eine philologische Disziplin, die sich neben sprachlichen auch mit den geografischen, politischen und kulturellen Kontexten beschäftigte, die unter diesem Begriff zusammengefasst wurden.

    Der Begriff wird heute immer noch zur Beschreibung von Kulinarik, Musik, Kleidung, Bräuchen sowie Handwerkkunst aus den Gebieten Vorder- und Mittelasiens sowie Nordafrikas verwendet.

  • „Primitiv“

    Der Begriff stammt vom lateinischen Wort „prīmitīvus“, was „der erste in seiner Art“ oder „ursprünglich“ bedeutet. Ab dem 18. Jahrhundert wurde der Begriff von europäischen Gesellschaften benutzt, um sich von anderen Gesellschaften abzugrenzen. Damit bezeichneten sie Kulturen, die keine Schrift verwendeten, auf scheinbar einfache Techniken zurückgriffen oder als Jäger:innen und Sammler:innen lebten. Diese Gesellschaften wurden der eigenen, als „zivilisiert“ betrachteten hierarchisch untergeordnet und als rückständig eingestuft.

    Im Kontext des Kolonialismus diente das Argument der „Primitivität“ dazu, die Ausbeutung und Versklavung von Menschen zu rechtfertigen.

    Die Sehnsucht nach einer „Rückkehr zur Natur“ idealisierte ab dem 18. Jahrhundert das vermeintlich „Schlichte“, „Einfache“ und „Ursprüngliche“. Selbst im „Eigenen“ suchte man nach dem „Primitiven“ – etwa in der Volkskunst des ländlichen oder alpinen Raums. Im 20. Jahrhundert inspirierte diese Faszination Kunstrichtungen wie den Primitivismus, Fauvismus, Kubismus und Expressionismus, die sich an den künstlerischen Ausdrucksformen Afrikas, Ozeaniens und der Amerikas orientierten.

  • „Volkstypen“

    Der veraltete Fachbegriff „Volkstypen“ bezeichnet Darstellungen, die Menschen aufgrund nationaler, ethnischer, regionaler oder sozialer Merkmale als vermeintlich typische Vertreter:innen ganzer Gruppen zeigen. Diese Art der Darstellungen entstand im Zusammenhang mit der beginnenden Bestrebung in Europa, Nationalstaaten zu bilden. Sie fand sich nicht nur in der Malerei, Grafik und Keramik, sondern verbreitete sich vor allem durch die Fotografie ab dem späten 19. Jahrhundert massenhaft. Diese Fotografien dienten dazu, Bevölkerungsgruppen und Regionen verallgemeinernd abzubilden und zu vergleichen. Durch Entpersonalisierung und Stilisierung wurden Gemeinsamkeiten und Unterschiede betont, um ein typisches Bild zu erzeugen.

    In der älteren Volkskunde spielten „Volkstypen“-Darstellungen eine große Rolle. Sie prägten die Vorstellung von „Volksgruppen“ und beeinflussten die Wahrnehmung von als fremd oder eigen konstruierten Gruppen. Modernisierung und Industrialisierung wurden in diesen Darstellungen oft ignoriert, wodurch die Abgebildeten ihrem tatsächlichen Lebensumfeld enthoben wurden. Dadurch wurden komplexe soziale Zusammenhänge vereinfacht. Diese idealisierten und typisierten Vorstellungen werden bis heute vielfach als Realität geglaubt.

    Die meisten dieser Fotografien entstanden in Ateliers, oft mit Requisiten und Hintergründen inszeniert. Teilweise repräsentierten dieselben Personen verschiedene „Volkstypen“. Die Bilder zirkulierten als Sammelbilder oder Ansichtskarten. Sie richteten sich an eine elitäre Käuferschicht, wie etwa Tourist:innen.

  • „Weib“

    Der Begriff „Weib“ ist eine veraltete Bezeichnung für eine Frau.

    Sein Ursprung liegt im althochdeutschen Wort „wīb“, das alle erwachsenen – unverheirateten und verheirateten – Frauen umfasste, unabhängig von ihrer sozialen Stellung. Ab dem 17. Jahrhundert wurde der Begriff zunehmend durch „Frau“ ersetzt, was zuvor eine Standesbezeichnung für adelige Frauen gewesen war. „Weib“ wurde im Laufe des 19. Jahrhunderts zu einem Schimpfwort, das bis heute in Gebrauch ist. Diese Entwicklung spiegelt die gesellschaftliche Geringschätzung von Frauen wider. Nur in manchen Dialekten blieb der Begriff neutral.

    Ein weiteres Problem ist die sprachliche Asymmetrie: „Weib“ ist grammatikalisch ein Neutrum („das Weib“), während „Mann“ ein Maskulinum ist („der Mann“).