Maria- ,, Himmelskönigin" und„ Mutter der Barmherzigkeit"
Dietmar Assmann
Ein besonders intensiver Ausdruck der Volksfrömmigkeit, wie er vor allem inkatholischen Landen praktiziert wird, sind die Heiligenverehrung und das Wall-fahrtswesen. In beiden Bereichen wiederum stellt die Marienverehrung einzentrales Thema dar. Nicht von ungefähr wird die hl. Maria in der Lauretani-schen Litanei- benannt nach dem italienischen Wallfahrtsort Loreto, wo sieerstmals 1531 bezeugt ist¹- nicht nur als„ Königin der Engel, der Patriarchen,der Propheten, der Apostel, der Martyrer, der Bekenner, der Jungfrauen Glossar ::: zum Glossareintrag Jungfrauen", son-dern auch allgemein als„ Königin aller Heiligen" angerufen und erhält schließ-lich sogar den Titel„ Himmelskönigin". Im nach jeder Anrufung angefügten, Bitte für uns" kommt ihre Fürbitterrrolle deutlich zum Ausdruck. In der weit-hin bekannten marianischen Antiphon„ Salve regina" 2 wird Maria gleich nachder Begrüßungsformel als„, mater misericordiae", als„, Mutter der Barmherzig-keit" bezeichnet, ein Begriff, der auch in vielen Mariengebeten immer wiedervorkommt. Der Gründer des Redeptoristenordens, der hl. Alphons v. Ligouri( gest. 1787) betonte die Rolle Mariens als„, Mutter der Barmherzigkeit" inbesonderer Weise. Das weit verbreitete Lied ,, Glorwürdge Königin, himmlischeFrau, milde Fürsprecherin, reinste Jungfrau Glossar ::: zum Glossareintrag Jungfrau. Wende, o Mutter und Königin du,deine barmherzigen Augen uns zu." ³ geht auf ihn zurück.
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Mit beiden Anrufungen wird einerseits die hervorragende Stellung Mariens alsMutter Gottes und damit über allen anderen Heiligen stehend bezeichnet,andererseits aber ihre besondere Mittlerrolle zwischen dem unfaẞbaren dreifal-tigen Gott und den Menschen ausgedrückt, war sie doch Mensch wie wir, alsJungfrau Glossar ::: zum Glossareintrag Jungfrau gebliebene Gottesgebärerin aber in ganz besonderer Weise hervor-gehoben und ausgezeichnet.
Wenn diese Ausstellung Parallelen christlicher, im besonderen katholischerVolksfrömmigkeit zu chinesischer Frömmigkeit aufzeigen will, so kommendiese in der Gestalt der chinesischen Göttin Guan Yin besonders gut zumAusdruck. Bei einem Besuch einer großen Tempelanlage in Wuhan am Unter-lauf des Chang Jiang geriet der Autor geradezu ins Schwärmen, sah er dochseine Ansicht bestätigt, daß die Volksfrömmigkeit in den verschiedenengroßen Religionen auch hier, nach vorigen Beobachtungen bei Reisen zu jüdi-schen, islamischen und zoroastrischen Heiligtümern, eine Vielzahl an Parallelenaufweist. Im Tempel der„, Göttin der Barmherzigkeit" sah er eine große weibli-che Statue mit einem wallenden roten Mantel bekleidet, davor brennendeKerzen, Weihrauchstäbchen und andächtige Gläubige, knieend und mit gefal-
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