Druckschrift 
Hilf Himmel! : Götter und Heilige in China und Europa
Entstehung
Einzelbild herunterladen
 
  

damals in vier Clans geteilt, die über Generationen hin durch Heiratsallianzenmiteinander verbunden waren. Wenn eine ältere Tochter heiratete, wurde sievon acht Konkubinen begleitet. Der Kommentar, den Ch'en Ting dazu abgibt,verrät nicht nur ein feines soziologisches Gespür, sondern auch kritischeDistanz zur eigenen Kultur: ,, Damit wurde der alte Brauch der Adligen, neunFrauen gleichzeitig zu heiraten, aufrechterhalten. Ihre[ der Miao] Bräuchewaren primitiv Glossar ::: zum Glossareintrag  primitiv, sie glichen denen der Drei Dynastien.... Vier der acht Konkubi-nen gehörten dem Clan meiner Frau an.... Was ihr Alter betrifft, so befandsich meine Frau genau in der Mitte.... Die Bräuche der Drei Dynastien, die inChina selbst seit langem in Vergessenheit geraten sind, leben also an denGrenzen fort. Ein altes Sprichwort sagt:«< Ist ein Zeremoniell verlorengegangen,dann sucht es bei den einfachen Leuten.>> Jetzt können wir es nicht einmalmehr bei den einfachen Leuten finden, sondern nur noch bei den Miao. Wasfür ein Trauerspiel!"( zit. nach Lévi- Strauss 1981: 487-488)

Aufgrund der jahrhundertlangen Kontakte mit Han, aber auch mit tibeto- bur-manischen Ethnien und Dai weist die Religion der Miao zahlreiche buddhisti-sche, taoistische und andere Fremdeinflüsse auf.

Die Miao leben meist in den höheren Gebirgslagen und betreiben vorwiegendBrandrodungsbau. Sie sind gezwungen nach einigen Jahren ihren Feldernnachzuziehen und ihre Dörfer zu verlegen. Um den Standort eines neuen Sied-lungsplatzes festzulegen, bedienen sich die Miao Weissagungen. Die Miaotrachten mit den sie umgebenden Geistern in Harmonie zu leben. Auch inner-halb des Dorfes wird der Standort jedes Wohnhauses mit großer Sorgfalt aus-gewählt, denn der betreffende Platz muß den Ahnengeistern genehm sein.Jedes Haus enthält zumindest einen Altar für die Ahnengeister. Häuser dürfennie so gebaut, daß die Geister am Betreten Hauses behindert werden und kei-nen Zutritt zum Altar haben. Die Tür jedes Hauses muß zum Tal gerichtet sein.Desgleichen dürfen die Häuser nicht in einer Linie stehen, da dadurch die Gei-sterpfade blockiert würden( LeBar et al. 1964: 64-72, Bernatzik 1947, Bd. 1)Nach einigen Beobachtern nehmen Besänftigung und Exorzismus in bezug aufLokalgeister, Dämonen und Ahnengeister etwa 90% der religiösen Praxis derMiao ein. In den Augen der Miao wimmelt es nur so von bösen und übelwol-lenden Kräften und Wesen, so daß viel Energie und Zeit aufgewendet werdenmuß, um diese zu besänftigen, zu meiden oder auszutreiben. In den 50igerund 60iger Jahren soll die Regierung diese Vorstellungen und insbesondere diedamit verbundenen Tieropfer als, anachronistisch" und verschwenderisch"bekämpft haben( LeBar et al. 1964: 70).

Im Zentrum des Miao- Glaubens stehen die guten und die bösen Geister sowiedas Konzept der multiplen Seelen. Die übernatürlichen Wesen wiederum kannman in vier Kategorien einteilen:

Bei den Miao und ihren Nachbarvölkern spielt man bei religiösen und sonstigen Festen den Lusheng,eine Mundorgel, die eine Geschichte von über 2000 Jahren hat.

138