,, Eine Blüte unter Blüten"
Ähnlich wie die handarbeitende Frau ist die Verknüpfung von Frauund Blume ein Motiv, das nicht nur in der Literatur- und Kunstge-schichte, sondern auch in der Familienfotografie einen wichtigenPlatz einnimmt. Die Blume symbolisiert dabei die angeblich größereNähe der Frau zur Natur. Diese Vorstellung von der besonderenNaturverbundenheit der Frau ist ein fixer Bestandteil der Konstruktionvon Geschlechterrollen, die mit der Entstehung der bürgerlichenFamilie seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert einherging. Dasbürgerliche Familienmodell sieht für Mann und Frau unterschiedlicheAufgaben vor. Der Mann als Ernährer der Familie hat seinen Wir-kungsbereich außerhalb der Familie in der Erwerbswelt, die Frauwirkt als Gattin, Mutter und Hausfrau in der häuslichen Privatsphäre.Nicht nur wurde diese geschlechtsspezifische Aufgabenverteilungals ,, naturgegeben" definiert, sie rückte zusätzlich die Frau in einegrößere Nähe zur Natur als den Mann, der als„ Kulturwesen" dieNatur überwindet und beherrscht. Der Mann verstand sich als Geist-Vernunft- Wesen und reduzierte die Frau auf das„, naturhaft" Körper-liche, aus dem sich ihre sozialen und kulturellen Aufgaben ableiten.Die weibliche Fruchtbarkeit und Gebärfähigkeit prägen nach dieserVorstellung das gesamte Wesen der Frau und rücken sie in denBereich des Organischen, in dem sich alles in ewig gleichen undwiederkehrenden Kreisläufen abspielt. Eine romantisch aufgeladeneund an blumigen Formulierungen reiche Sprache half den damiteinhergehenden realen Machtverlust der Frauen zu verschleiern. DieFrau als zarte, schöne Blüte sollte den Mann erfreuen und seinesLebens Zierde sein:„ denn die Frauen sind bestimmt, das Auge zuergötzen, wie die Blumen in der Natur." 35 Die Beschreibung der Frauals zarte Blüte diente gleichzeitig zur Begründung und Zementierungder überlegenen Stellung des Mannes:„ Das starke Geschlecht derMänner sei vor Allem eine ritterliche Schutzwehr des schönen undzarten Geschlechtes, gleichwie eine hohe, feste Mauer die lieblichenBlumen des Gartens schirmt", meinte der Autor eines 1910 erschie-nenen Buches für den„, Mann von Welt". In der Praxis bedeutet das:Der Platz der Frau befindet sich innerhalb der häuslichen Mauern,dort entfaltet sich ihr Wesen in der Pflege des Familienlebens,während der Mann durch seine außerhäusliche Erwerbsarbeit diefinanzielle Basis schafft.
Da sich die Verbindung von Frau und Blume auf nahezu alle Lebens-bereiche erstreckt, ist es naheliegend, daß gerade auch die Famili-enfotografie als populäres Bildmedium diesem Motiv entsprechende
35 Seidler, H.( 1847): Die Bestimmung und Veredelung der Jungfrau Glossar ::: zum Glossareintrag Jungfrau(...). Berlin.
56