Vorwort
Was macht ein Familienfoto für jene, die mit den abgebildetenPersonen nichts oder wenig zu tun haben, spannend? Zunächst,vielleicht abgesehen von interessanter Kleidung oder einer besonde-ren ästhetischen Inszenierung, nur wenig. Erst wenn sich der Be-trachter von den eigentlichen Bildinhalten löst, sich sozusagen in eineBeobachtungsposition zwischen Fotograf und abgebildeter Familiebegibt, wird die Neugier auf das tiefere Eintauchen in das GenreFamilienfotografie geweckt. Was sich hier wie eine Betriebsanleitungzur ,, Benützung“ der Ausstellung liest, ist tatsächlich das zum Konzeptgewordene Interesse der Ausstellungsmacher/ innen.
Die Ausstellung familien FOTOfamilie zeigt- basierend auf der techno-logischen Entwicklung der Fotografie seit ihrer ersten öffentlichen Prä-sentation im Jahr 1839- eine Kultur- und Sozialgeschichte der Famili-enfotografie. Sie richtet den Fokus auf die Bedeutung von Familienfotosin der Familie und möchte den Blick für jene Familienbilder schärfen, diein den Köpfen der Fotografinnen und Fotografen bereits vorhanden sind,wenn sie auf den Auslöser drücken. Es wird danach gefragt, wie sichdie Familie vor der Kamera präsentiert, wer fotografiert, was aufs Bildkommt und was nicht, welche Interessen sich mit dem Aufbewahren vonfotografierten Erinnerungen verbinden und welche ästhetischen Ansprü-che an Familienfotografien gestellt werden. familien FOTOfamilie möch-te einige nicht ganz alltägliche Perspektiven auf ein scheinbar bekanntesund ,, banales" Bildgenre werfen.
Im Zuge dessen gilt das Augenmerk auch den Erinnerungen, die mitden auf Glas, Papier oder Kunststoff gebannten Personen und Ereig-nissen verbunden werden: Mit dem Fotografieren wird versucht, eineGegenwart, die in der zukünftigen Vergangenheit als Erinnerungreproduziert werden kann, festzuhalten. Dahinter steht die latenteAngst, Momente des Lebens zu verlieren. Geschichte- in diesemFall Familiengeschichte- könnte in Vergessenheit geraten. Überwie-gend werden Lebenslaufereignisse und Höhepunkte des Lebensdokumentiert, darüber hinaus Urlaubs- und Freizeit. In jedem Fall sindFotos emotional stark besetztes Dokumentationsmaterial, sodaẞ zuvielen Bildern noch viel mehr Geschichten existieren- denn: Ein Bildsagt nicht( immer) mehr als 1000 Worte!
Zudem spiegeln sich in den Fotos historisch und kulturell geprägteVorstellungen von Familie, denn der fotografische Blick ist nicht,, objektiv", sondern durch gesellschaftliche Normen geleitet. Famili-enfotos zeigen eine Familie weniger ,, wie sie ist", sondern wie sie seinsoll bzw. sein möchte. Mit der vorliegenden Ausstellung wird ver-
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