Die totale Familie
Margit Zuckriegl
Das ,, Bild der Familie“ im Kunstkontext meint:„ Familienbild". DiesesGenre der bildlichen Fixierung ist eines der ältesten der Kunstge-schichte, und es darf darüber spekuliert werden, ob das Familienbild-nis der Sonderfall des Porträts ist, also eine Art Multiplikation unterbestimmten Vorzeichen des Arrangements oder umgekehrt, dasPorträt ein Sonderfall wäre, also die Isolation eines individuellenBildnisses aus einem größeren Zusammenhang.
Ohne die historischen Implikationen zu strapazieren, läßt sich fest-stellen, daß es in bestimmten Epochen jeweils eine andere Akzep-tanz des Familienbildnisses gab, jeweils eine andere Art der Bedeu-tung und der Reflexion. Neben dem Typus des Herrscherporträts( das ja unter Umständen auch in die Gattung des Familienbildnissesfallen kann), ist wohl keine Ikonographie und Ikonologie so stark ander jeweils sozialen und soziologischen Ausrichtung einer Gesell-schaft entlang entwickelt worden wie eben die Gesetzmäßigkeitenfür die Darstellung der Familie.
Eine griffige Interpretation wäre der Zusammenhang von selbstbe-wußter sozialer Stellung mit dem Bedürfnis nach Repräsentation. Seitder Verselbständigung des Individuums in der Porträtmalerei derRenaissance gewinnt in jenen künstlerischen Epochen die Porträt-malerei an Bedeutung, in denen eine relativ unabhängige Aristokratieund ein erstarktes Bürgertum Bedeutung und Einfluß in der Gesell-schaft haben.
Die niederländische Malerei läßt schon mit dem Ende des 14. Jahr-hunderts physiognomisch feinsinnige Bildnisstudien zu, währendsich in Italien erst mit den großen Psychologen in der Malerei, Tizianund Tintoretto, das Interesse an einer Innenschau im Porträt manife-stiert. Anthonis van Dyck's umfangreiches Bildnisoeuvre wäre ohnedie Grundlagen einer selbstbewußten Gesellschaft, wie sie Rubenswiedergegeben hat, nicht denkbar, ebensowenig wie die magischenPorträts Velazquez' ohne das wirtschaftliche Aufblühen der spani-schen Hocharistokratie durch ihren überseeischen Reichtum vorstell-bar wäre. Das Familienporträt vertritt oft den Anspruch auf die Legi-timität einer ehrenhaften Abstammung, dient der Repräsentationoder dem Andenken für künftige Generationen. Holbeins wohlhaben-de Kaufleute im fernen Ausland gehören da ebenso dazu wie seineBilder der scharfgeistigen Reformer, Gainsboroughs müde Kinderge-
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