Wo an der Haut tatauiert sich der Europäer?
19
Nach alledem kann es wohl nicht mehr zweifelhaft sein, daß die LOMBROSOScheTheorie von der Tatauierung als Entartungsmerkmal in dieser Ausschließlichkeit überdas Ziel hinausschießt. Dagegen darf wohl mit Recht die Meinung vertreten werden,daẞ tatsächlich mit wenigen Ausnahmen eine niedrige Kulturstufe die Vor-bedingung für Tatauierung im Sinne eines Volksbrauches ist.
In diesem Sinne spricht ja auch die alltägliche Beobachtung, daß Menschen, diesich aus niederem Stande und kleinen Verhältnissen heraufgearbeitet haben und miteinem höheren Bildungsgrad Persönlichkeitskultur sich angelegen sein lassen, den leb-haftesten Wunsch äußern, ihre Tatauierung, das Merkmal ihres früheren kulturellenTiefstandes, beseitigt zu sehen.
Wo an der Haut tatauiert sich der Europäer?
Mit dem Vordringen der Kultur schwindet das Tatauieren dahin, und wo auchimmer die Errungenschaften der Zivilisation primitiven Glossar ::: zum Glossareintrag primitiven Völkern gebracht werden, er-lischt das Interesse an jenem Brauche. Vor allen Dingen ist es das Aufgeben desWandelns im paradiesischen Zustande, welches in diesem Sinne wirkt. Wie auch Haut-bemalung und Narbenzeichnen, so verliert das Tatauieren seine Bedeutung und Zweck-bestimmung, wenn nicht die gezeichneten Stellen frei zur Schau getragen werden können.Dabei braucht keineswegs nur Eitelkeit die ausschlaggebende Rolle in den Motivenzur Hautpunktierung zu bilden; welche Symbole auch immer zum Ausdruck gebrachtwerden sollen, sie verlieren an Wert, wenn sie nicht dauernd äußerlich für jedermannsichtbar sind.
Je mehr also die Menschen sich bekleiden, um so wenigerwerden sie sich tatauieren. In der Tat sehen wir denn auch schon bei denunkultivierten Volksstämmen diejenigen Körperteile, welche bedeckt getragen werden,fast regelmäßig frei von Tatauierung. Ausnahmen bestätigen nur die Regel.
Zur vollen Auswirkung ist diese Korrelation zwischen Bekleidung undTatauierung beim zivilisierten Europäer gekommen, bei dem dieser Brauch nichtmehr als allgemeine Volkssitte angesprochen werden kann. Wenn trotzdem weiteVolkskreise noch mehr oder weniger die Gepflogenheit des Tatauierens bewahrt haben,so geschieht es einerseits an Körperstellen, welche doch vielfach frei getragen werden,andererseits läßt die Entartung des Brauches zu einer Spielerei es gleichgültig erscheinen,wo die Hautpunktierung erfolgt. Ja, im Gegenteil! Man vermeidet heute im allge-meinen geradezu mit einer gewissen Ängstlichkeit und Geflissentlichkeit eine Tatauierungder am meisten sichtbaren Hautpartien es erhellt daraus die gänzlich
3*