Ueber Wesen, Bestand und Biologie der Tatauierung.
Seit einer ganzen Reihe von Jahren habe ich diesen Dingen nun meine Auf-merksamkeit geschenkt, und, soweit es angängig war, Lichtbilder gefertigt. In denKriegsjahren habe ich draußen in Frankreich und Belgien ganz besonders zur Ver-vollständigung des einschlägigen Materials Gelegenheit gehabt und aus den Hundertenvon Tatauierungen, die nun bis heute als eigene Sammlung vorliegen, entstanddieses Werk.
Ein Wort noch zur Nomenklatur.
Es stellt sich immer mehr als richtig heraus, von Tatauierungen und nichtvon Tätowierungen zu reden. WUTTKE berichtet, daß auf den Schifferinseln dieProzedur Ta- tatau heiße, auf den Freundschafts- und Gesellschaftsinseln Tatau, Tatu,Ta- tattorio. Dieser Name ist seiner Meinung nach ein Nachhall des Geräusches tat,tat, tat, welches das Aufschlagen auf das Tatauierungswerkzeug, das gewöhnlich imTriolentakt geschehe, verursacht. Auch in einer Abhandlung von W. KRAUSE in demersten Heft der Mitteilungen des Göttinger anthropologischen Vereins vomJahre 1874 wird ,, tätowieren" als lautnachahmendes Wort bezeichnet, welches von denSüdinsulanern stamme. Diese Auffassung besteht aber nicht zu Recht.
WILHELM JOEST äußert sich in seinem klassischen Werke über Tätowieren ausführ-lich zu der Etymologie des Wortes und macht darauf aufmerksam, daß die verdeutschteAussprache des englischen tattaw oder tattow als Schriftsprache fehlerhafterweise an-genommen wurde und somit statt Tatauen oder Tatuieren im Deutschen mit völligunmotiviertem„ w" schließlich das„ Tätowieren" daraus wurde. Die Wurzel des Wortesist„ tau“, entspricht dem javanischen„ tatu" und bedeutet Wunde oder verwundet.Auch der neueste Autor über unseren Gegenstand, CATTANI, bekennt sich zurSchreibart ,, Tatauieren". Es wäre wünschenswert, wenn wenigstens in unseren wissen-schaftlichen Arbeiten korrekterweise diese Ausdrucksform gewählt würde, wenn es auchvermutlich schwer halten wird, das populäre„ Tätowieren" aus der Umgangssprache zuverbannen und durch das richtigere„ Tatauieren“ zu ersetzen.
Ueber Wesen, Bestand und Biologie der Tatauierung.
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Das Wesen der Tatauierung besteht in einer Art von Harpunierung der Haut mitgleichzeitiger oder nachfolgender Einführung färberischer Substanzen; mit irgendeinemspitzigen Werkzeug früher benutzte man Dornen, Fischgräten, scharfe Muscheln, zuge-spitzte Holzstäbchen, Knochensplitter, Glasscherben, Zähne dazu wird die Oberhaut durch-stochen und nach oberflächlicher Blutstillung der Farbstoff in die Hautwunde versenkt.Es ist notwendig, den Eingriff in dieser Weise zu gestalten, damit nicht etwa bei zuoberflächlicher Stichelung die Farbstoffablagerung in die Zellagen der Epidermis er-