Abgestaubt
54. Jahrgang
Von Notlagen und HilfeleistungenDas Museum nach demErsten Weltkrieg
2019 wurde das Gedenken an den ErstenWeltkrieg vom Erinnern an politische undgesellschaftliche Umbrüche als Kriegsfolgenabgelöst. Die Bildung von Nationalstaaten,Demokratisierungsprozesse oder dieprekäre Versorgungslage sind Themen vonPublikationen und Ausstellungen. Auch imMuseum für Volkskunde waren die Jahrenach Ende des Ersten Weltkriegs vomKampf um das Überleben geprägt. Selbstkleine Schäden an Alltagsgegenständenstellten damals schier unüberwindbareHindernisse dar.
Besonders in der Hauptstadt Wien kamdie Versorgung mit Kohle zeitweise zumErliegen. Das Museum blieb aus diesemGrund in den Wintermonaten 1919/20unbeheizt. Nur wenn die Finger des Res-taurators zu steif waren, wurde ein kleinerArbeitsraum stundenweise erwärmt. Aberselbst in dieser Mangelsituation war dasMuseum mit Hilferufen von außen kon-frontiert. Am 13. November 1919 verfassteder 81- jährige Slawist Vatroslav Jagić,langjähriger Vizepräsident und seit 1908Ehrenmitglied des Vereins für Volkskunde,ein Bittschreiben. Er fragte, ob es möglichwäre, etwas„ ,, Kohle oder Koks, eventuellauch Holz gegen entsprechende Bezahlungzu bekommen?[...] mein geringer Vorrat,die Ersparnisse des vorigen Jahres, geht zuEnde. Alle bisher unternommenen Schritteblieben ohne Erfolg und sehe mit Schre-cken dem immer drohender heranrücken-den Winter entgegen."
Auch die Angestellten des Vereins belas-tete die allgemeine Notlage. Die ohnehinniedrig dotierten Gehälter reichten in der
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grassierenden Inflation nicht einmal mehrfür die grundlegenden Dinge. Im Oktober1920 baten Olga von Führer( Bibliothekarin),Marie Haberlandt( Sekretärin), EngelbertJünger( Verwalter), Franz Mucnjak( Restau-rator), Ida Schuster( Kanzlistin) und FranzWellan( Hauswart) schriftlich um Erhöhungder Bezüge. Der Prähistoriker Georg Kyrle,seit 1920 Ausschussmitglied, unterstütztein einer Vereinssitzung deren Anliegen. Erwendete ein, dass es dem Ansehen desMuseums sehr schaden würde, wenn der-artig heute noch bestehende Lohnverhält-nisse in der Öffentlichkeit bekannt würden,abgesehen davon, dass derartig ungesundesoziale Verhältnisse gegebenenfalls nurSchaden bringen können." Die Gehälterwurden in zwei Etappen teilweise auf mehrals das Doppelte erhöht.
Der Verein ergriff mehrere Gegenmaß-nahmen, um liquide zu bleiben. Der Verkaufvon Doubletten und Tauschobjekten aus derSammlung, ergänzt um Objektspenden vonPrivatpersonen, steigerte die Einnahmen.Die Philanthropin Helene Lecher- Rost-horn steuerte z. B. im März 1920 acht von186 Objekten für die 53. Kunstauktion vonAlbert Kende in der Kärntnerstraße 4 bei.Es handelte sich u. a. um Glasvasen, einensilbernen Löffelständer und ein Perlmut-tertäschchen in Buchform mit einemSchätzwert von 6800 Kronen. Die Höhedieses Betrages reichte aus, um in diesemMonat mehr als elfmal das Gehalt derBibliothekarin abzudecken.
Elisabeth Egger,
Sammlungen und Archiv