Heft 
54 (2019) 1
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Lieblingsobjekt

54. Jahrgang

Hanna und Berts große Reisen

Zwar mangelt es in der Fotosammlung desVolkskundemuseums nicht an Kuriositätenund zahlreichen Objekten, die man durchdas Öffnen der nächsten nicht beschrifte-ten, nicht inventarisierten und nach Arbeitrufenden Box auffindet und bei denen mansich gerne mal wie eine Entdeckerin langversteckter Schätze vorkommt. Doch erstvor Kurzem kam ein Fotoalbum ins Haus,das schon viele Mitarbeiter/ innen undBesucher/ innen zum Staunen gebrachthat. Friedrich Tietjen hat es am Flohmarkterstanden um es in die aktuelle Ausstellung Alle antreten! Es wird geknipst" PrivateFotografie in Österreich 1930-1950 zuintegrieren.

Es handelt sich um ein sorgfältig gestal-tetes Familienalbum, das scheinbar dieUrlaube einer wohlhabenden Familie odereines Paares zwischen 1940 und 1950 zeigt.Landschaftsaufnahmen, Sehenswürdig-keiten, Postkarten, Eintrittskarten all dasergänzt durch Reiseberichte in Gedicht-form und detailreiche Beschreibungen derAktivitäten. Sogar kleine Stoffreste findensich fein säuberlich eingeklebt nebenPorträts des Paares. Ich vermute, dass esTeile des Stoffes sind, aus denen die Kleidergeschneidert wurden, die sich an der Dameim Bild wiederfinden lassen. So konnte manbeim Blättern durch das Album, nicht nurdie schönen Urlaube betrachten, sondernsogar erfühlen! Nun sind alle Reisen aus-führlich dokumentiert und auch datiert.

Doch ergibt sich ein Widerspruch.Einerseits fanden die Reisen zwischen 1949-1950 statt, doch andere Details scheinennicht aus dieser Zeit zu stammen. Schnipselaus Reisebroschüren, wie es sie in jedemReisebüro gibt, scheinen aus einer späteren

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Zeit zu stammen. Vermutlich haben Hannaund Bert ihre Erinnerungen erst viel späterzusammengestellt und so reich dekoriert.Eine meiner Vermutungen wäre, dass dieunruhigen Zeiten von 1949-1950, die indiesem Album so gar keine Rolle zu spielenscheinen, das Paar an der geduldigenTätigkeit des Einklebens, Ausschneidensund Zusammenstellens gehindert habenkönnten. Dass in diesem Fall die Realität derZeitgeschichte nicht in den Abbildungenselbst auftaucht( wie es nur selten in denprivaten Fotografien der Ausstellung zusehen ist), sondern in der Herstellung derErinnerungen und des Albums. Passenddazu ist der Spruch, der auf die erste Seitegeschrieben wurde:, Unsere Erinnerungensind Feiertagsglocken, die noch weiter-klingen, wenn die Kirchen längst versunkensind!".

Doch eines lässt sich im ganzen Albumnicht herausfinden: Wie hießen die beidenReisenden, und wer war der/ die Schöpfer/in dieser so kostbar inszenierten Erinne-rungen? Warum landet ein so aufwendighergestelltes privates Fotoalbum auf demFlohmarkt? Auch durch genaues Studiumder einzelnen Gedichte und Beschreibun-gen, fand sich bis jetzt kein einziger Name.Hanna und Bert sind Namen, die wir denBeiden zur einfacheren Benennung derAlben gegeben haben. Die beiden Protago-nisten bleiben namenlos.

Katharina Zwerger- Peleska,Fotosammlung