Heft 
54 (2019) 3
Seite
38
Einzelbild herunterladen
 

Lieblingsobjekt

54. Jahrgang

Die Bregenzerwälder

Frauentracht

ÖMV/ 12.823-12.831

Warum ist diese Tracht eines meiner Lieb-lingsobjekte? Die Antwort könnte sehr ein-fach lauten: weil sie so wunderschön glänztund so großartig gearbeitet ist. Die Herstel-lung einer solchen Frauentracht erfordertviele Handgriffe von Spezialistinnen undSpezialisten. Jede ist ein Einzelstück undan die Trägerin angepasst. Der Leinenstofffür das Miederkleid erhält nach dem Färbeneine Appretur aus Lederabfällen, Eisenoxid,Kristallsoda und Leim. Damit sie glänzt, wirdder Stoff mit einer Glättmaschine mecha-nisch bearbeitet. Mittels Plissiermaschinewird er schließlich kunstvoll in Falten gelegt.Die entstandenen Kleidungsstücke sindwunderschön anzusehen und sehr teuer.

Aber natürlich liegt mir diese Trachtnicht allein deshalb am Herzen, sondernaufgrund der Zwiespältigkeit, die sie in mirso wie jede Tracht erzeugt. Die regionalakzentuierte Kleidung der Bewohnerinnendes Bregenzerwaldes ist früh als landschaft-liche Tracht wahrgenommen und fixiertworden, wie Bernhard Tschofen in einemumfassenden Artikel( Österreichische Zeit-schrift für Volkskunde, 1991) zeigte.

Bereits im Biedermeier wurden diezwei großen Nationaltrachtengebiete desheutigen Vorarlberg festgeschrieben: nebendem Bregenzerwald auch das Montafon.Wie in anderen Regionen lag der Grunddafür zunächst in den Schilderungen vonReisenden, die ihre Eindrücke schriftlichniederlegten und publizierten. Die davonangelockten Touristen und Touristinnenkamen in Erwartung von Einheimischen mitursprünglichen Lebensformen, zu denenauch die örtlich korrekte Kleidung gehörte.

38

Inzwischen trugen die Einheimischenjenes zur Tracht gewordene an sich veral-tete, statusanzeigende Gewand absichtlichals bewusstes Zeichen der örtlichen Ver-bundenheit, der Heimatliebe und Hei-mattreue", weil sie gelernt hatten, dass dieszu ihrer eigenen Tradition" gehöre. Dieseemblematische Funktion der Tracht ließ sichfür verschiedene Zwecke einsetzen: in derFremdenverkehrswerbung und der Politik.Zu Austrofaschismus und Nationalsozia-lismus passte die Idee Tracht bestens undauch nach dem zweiten Weltkrieg wurdenTrachten als Ausdruck des eigenen weiter-hin getragen.

In der Gegenwart leben wir wie inder frühen Industrialisierung wieder mitUmbrüchen, mit realen und irrealen Ver-unsicherungen, die die Planbarkeit undVorrausehbarkeit unseres Lebens ein-schränken. Manche Zeitgenoss innen suchenim Komplex der Traditionen" Stabilität, weildiese uralt und unverändert seien.

Eben das sind sie aber nicht. Die vorlie-gende Tracht ist nicht deshalb echt", weilsie jahrhundertelang genauso von Bregen-zerwälderinnen getragen wurde, sondernweil sie dem Bild entspricht, das von einerBregenzerwäldertracht entstanden unddas immer noch gültig ist. Deshalb kam dieTracht 1901 ins Museum.

Kathrin Pallestrang

Kuratorin der Textil- undBekleidungssammlung

Foto: Alexander Rosoli Volkskundemuseum Wien