Ausgewählt
57. Jahrgang
,, An meinen geliebtenDreifüßler...'
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An einem trüben Novembermorgen trafich für meinen ersten Praktikumstag imMuseum ein- mein Arbeitsbereich: dieKeramiksammlung. Dass ich mich hierdie kommenden Monate mit alten zumBacken und Braten( Genaueres solltenwir noch herausfinden) genutzten Formenbeschäftigen würde, stand zu dem Zeit-punkt noch in den Sternen. Oder sollteich genauer sagen in den Depots, sprichKeller, Bunker und Hafen? Auch wenn essich bei der konkreten Sammlung eindeutigum Gebrauchskeramik handelte, häuftensich Fragen nach genauem Nutzen undBenennen der Objekte. Und Sie wundernsich wahrscheinlich, was das alles mit derÜberschrift des Textes zu tun hat? Eins nachdem anderen.
Die materiellen Kulturwissenschaf-ten betrachten Dinge länger nicht mehrals stumm, vielmehr erzählen besondersMuseumsobjekte als„ epistemische Dinge"Herkunfts- und Gebrauchsgeschichten,auch wenn uns unsere Objektgruppe dasEntziffern nicht leicht machte. Eine ein-heitliche Typologie wurde zur Herausforde-rung, der wir uns als Team- Carina Neischl,Claudia Peschel- Wacha und ich- stellten.Gemeinsam traten wir eine Abenteu-er- Dienstreise zum Fachmann, Bäckermeis-ter und Sammler Rupert Labschütz nachNiederhollabrunn an: Neben einer Führungdurchs private Gugelhupf und BackformenMuseum und die Traditionsbäckerei, wur-den intensiv Typisierungsfragen besprochen( mit zwei Laptops, bei Kaffee und Kuchen).Die Vielfalt und Komplexität der Formenbestätigte sich hier nochmals, so stand alsnächste Station die hauseigene Bibliothek
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an. Wo ich hier zuletzt aufschlussreicheInformationen fand? Im Sonderausstel-lungskatalog Backmodel auf Bauern- undBürgerhäusern( 1975) der Kolleg* innendes Steirischen Volkskundemuseums, übereinen kunsthistorischen Zugang in„ Die alteKunst der süßen Sachen"( 1959) und übereinen praktischen in Maier- Brucks Koch-buch„ Vom Essen auf dem Lande"( 1981).Diese Zwischenstopps führten unsschließlich zu einer Terminologie und michnun auch zu meinem liebsten Objekt derSammlung: Unter den vielseitigen Formen- diese überhaupt angreifen zu dürfen warals folgsame Museumsbesucherin zunächstungewohnt haben es mir besondersdie dreifüßigen angetan. Mein Favorit istmir durch das außergewöhnliche Schne-ckenmotiv und die intensive braune Farbeaufgefallen. In der Datenbank M- Box findetman das Objekt( ÖMV/ 22.954) nun imBestand der Hohlformen, unter der Klassifi-zierung Dreifußpfannen: die sieben Muldenmachen das Gefäß zu einer Verbundformzum Herausbacken von Teiglingen in heißemSchmalz, das schneckenähnliche Motiv mussdem Backresultat eine einzigartige Formgegeben haben. Wie das Ergebnis genanntwurde? Gestoßen sind wir auf Dalken, Tal-ken, Liwanzen oder( Tegel-) Krapfen inklusivemundartliche Abwandlungen- möchten Sieuns mit weiteren Bezeichnungen überra-schen? Unter ihresgleichen und anderenFormen wie Reinen, Brätern oder Kaltspeis-formen hat meine dekorative Dreifußpfannemit ihren verspielten Henkeln ihren Platz inder erarbeiteten Typologie gefunden.
Konstantina Hornek, Studentin derEuropäischen Ethnologie und Volontärinam Volkskundemuseum Wien