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Gilet, Ende 18. Jh.
In der Textil- und Bekleidungssammlungbefinden sich an die 150 für Männer gefer-tigte Gilets aus verschiedenen GegendenEuropas, hergestellt vom 18. bis ins 21. Jh.
Neben der aus dem Französisch über-nommen Bezeichnung„ Gilet" wird fürdasselbe Kleidungsstück mancherorts derBegriff Weste" verwendet, der sich vomlateinischen Wort„ vestis"(= Kleidung,Gewand) ableitet. Zugleich wird der regionalverbreitete Ausdruck„ Leibl" gebraucht.
Im 18. Jh. waren florale Motive wie Streu-blumen sehr beliebt. Verarbeitet wurden beidiesem Stück Seide und Leinen. An Stelle derRückennaht befindet sich eine Schnürung.Dadurch konnte das Gilet enganliegend, demOberkörper angepasst getragen werden bzw.weiter gemacht werden, falls das im Laufeder Zeit erforderlich war.
Das Kleidungsstück wurde wohl durchhäufiges Tragen abgenützt und darum vornemit Flicken repariert. Ursprünglich handeltees sich wohl um ein in der Anschaffungteureres Kleidungsstück. Daraufhin deutenjedenfalls das eingestickte Muster und dieverarbeitete Seide. Laut Inventarbucheintraghandelt es sich bei diesem Objekt um eine,, Bauernweste", getragen wohl von einemsehr wohlhabenden Landwirt der ländlichen
Oberschicht.
Angekauft wurde das Kleidungsstück1938 mit 16 weiteren vom in Graz ansäs-sigen Schneider Rudolf Scholz für 25 RM.Der Ankauf von Scholz wurde durch dieProvenienzforschung geprüft und gilt alsunbedenkliche Erwerbung.
Scholz engagierte sich für die„ Bewah-rung der„ steirischen Bekleidung" undpublizierte zum Thema Tracht z. B. inder Österreichischen Alpine, Volks- undGebirgs- Trachten- Zeitung. Zu seinem
Angebot gehörte laut Zeitungsannonceim Grazer Tagblatt( 29.11.1926)„ zeige-mäße Herrenmode, Kostüme, stilechtesteirische Bekleidung". 1935 verlangteScholz via Schreiben an den Landeshaupt-mann der Steiermark ein Verkaufsverbotfür Konfektionsware sowie ein Verbotder Trachtenherstellung für jüdische undandere Nicht- Deutsch- Österreichische"
Schneider* innen.
Scholz antisemitisches Engagemententsprach der Einstellung vieler seiner Zeit-genoss* innen. 1938 wurde vom NS- Regimeein Trachtenverbot für Jüdinnen und Judenerlassen.
In der kommenden Ausstellung Gesam-melt um jeden Preis! setzen wir uns damitauseinander, welche Gesetze und Bestim-mungen des NS- Regimes die Grundlage fürdie Beraubung von Juden und Jüdinnenund anderen Verfolgten bildeten. Viele derentzogenen Dinge kamen in Museen, soauch ins Volkskundemuseum. In der Ausstel-lung beschäftigt uns, wie wir- als Museum,aber auch als Gesellschaft- von 1945 bisheute damit umgehen. Wir befassen uns mitNS- Provenienzforschung und Restitutionund zeigen rund 500 Objekte aus unserenSammlungen, die in Zusammenhang mit derhauseigenen Provenienzforschungs- undRestitutionspraxis stehen.
Kathrin Pallestrang und Maria Raid,Kuratorinnen Textilsammlung
und Gesammelt um jeden Preis!