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Von Recht und UnrechtRumänische Wegkreuze als
Kriegsbeute des Ersten Weltkriegs
Was macht man, wenn man im Archiv auf-räumt? Beispielsweise nicht zugeordneteHerkunftsakten sichten. Das sind Doku-mente wie Briefe, Preislisten oder Notizenzu Sammlungserwerbungen, die noch keineBezüge zu konkreten Objekten haben.Mit guten Kenntnissen der Bestände desHauses und unterstützenden Recherchenin der Datenbank und den Inventarbücherngelingt es, Dokumente und Dinge zusammen-zuführen und manchen Erwerbsvorgang zuerhellen.
Rückblende Erster Weltkrieg: Im Herbst1916 starteten die Mittelmächte eine Offen-sive gegen Rumänien. Die deutsch- öster-reichische Heeresgruppe Mackensen unterOberbefehl von Generalfeldmarschall Augustvon Mackensen eroberte bis Jahresende dengrößten Teil des Landes und besetzte am6. Dezember Bukarest. Die Zeitungen ver-meldeten einen begeisterten Empfang undreiche Beute:„ Die gewaltigen Befestigungs-werke Bukarests samt Artillerieausrüstungund Munition sind unversehrt in unserenBesitz gelangt. Auch weitere Beute wurdegemacht und nach Wien verbracht.
2019 tauchte beim Ordnen der Her-kunftsakten Korrespondenz mit dem Hee-resgeschichtlichen Museum von Anfang der1950er Jahre auf. Drei rumänische Weg-kreuze aus dem Schlosspark von Cotroceni,einem Stadtteil von Bukarest, wurden an dasVolkskundemuseum abgegeben. Eine Zuord-nung der Schreiben zu Objekten war raschmöglich das Museum besitzt insgesamt nursieben Wegkreuze, von denen eine Vierer-gruppe gut dokumentiert ist.
Das größte der drei Kreuze wurde Ende1953 mit dem Vermerk„ Im 1. Weltkrieg als
Kriegsbeute der Heeresgruppe Mackensenim Heeresgeschichtlichen Museum unterge-bracht. inventarisiert. Die beiden ande-ren wurden erst Ende 1959 ohne jeglicheKontextinformationen ins Inventar eingetra-gen. Die Korrespondenz verschwand in derAblage.
Eine kürzlich erfolgte Anfrage an dasHeeresgeschichtliche Museum lieferte einGedankenprotokoll vom Juli 1950, das fest-hält, dass 1917 unter Nr. 1250 drei bemalteWegkreuze im Eingangsbuch vermerkt wur-den. Sie waren Teil der Volkskunst- Sammlungder rumänischen Königin Marie( 1875-1938)und im Park von Schloss Cotroceni aufge-stellt gewesen. Eine Pionierkompagnie hattedie Kreuze erbeutet und an das k. u. k. Hee-resmuseum gesandt, wo sie bis 1937 unbear-beitet in einer Kiste verpackt blieben.
Eduard Wettendorfer, ein Mitarbeiter desHeeresmuseums, ließ die Kreuze konser-vieren und schlug die Abtretung an dasVolkskundemuseum vor. Die tatsächlicheÜberführung zog sich aus Mangel an Trans-portmitteln und Personal hin und erfolgteerst im November 1952. Warum zwei Kreuzeerst so spät und„ anonym" inventarisiertwurden, bleibt unklar.
Vor dem Hintergrund der Artikel 191 und192 des Friedensvertrags von St. Germainzur Rückgabe von Kulturgütern aus besetztenGebieten ist eine vertiefende Erforschungder Provenienzen dieser rumänischen Weg-kreuze wünschenswert. Damit könnten eineArt Gerechtigkeitsfußabdruck eruiert undHandlungsräume für Restitutionen definiert
werden.
Elisabeth Egger,
Digitale Sammlungen, Archiv