Heft 
58 (2023) 1
Seite
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38 AUSGEWÄHLT

Notdürftig reparierte Sandalen

2008 hat es mich auf meinem Bildungswegals Schülerin zum ersten Mal in das Volkskun-demuseum Wien verschlagen, wo ich meineBerufspraktischen Tage absolvierte. Heuteim Jahr 2022 bin ich wieder im Zuge meinerAusbildung hier, diesmal im Rahmen einesVolontariats für mein Studium. Als ich dasMuseum 14 Jahre später durchschritt, fiel mirschnell auf, dass sich einiges verändert hatte.Neue, zunächst unerwartete Objekte hat-ten im Rahmen der Intervention Die KüstenÖsterreichs Einzug in die Dauerausstellunggehalten.

Zwischen all den Brauntönen stach mirsofort ein rot- blaues Paar Flipflops in dieAugen. Zunächst irritierten mich die starkreparierten, aber dennoch sehr modernenSandalen. Der Text neben dem Objekt infor-mierte mich, dass sie einem afghanischenFlüchtling gehören und seit 2018 Teil derDauerausstellung sind.

Ihr reparierter Zustand fiel mir ebenfallssofort auf, da ich am Anfang meines Volon-tariats noch das Repair Festival erlebte, beiwelchem es um das Reparieren von All-tagsgegenständen ging. Aus der Sammlungdes Volkskundemuseum Wien und aus demBesitz von Privatpersonen wurden die unter-schiedlichsten reparierten Dinge ausgestellt.In Workshops wurde diskutiert, warum Men-schen heute reparieren oder eben nicht. DieTeilnehmenden verwiesen wiederholt auf dieKosten- Nutzen- Relation des Reparierens.Wenn es sich finanziell lohnt, wird meistensrepariert, wenn nicht, dann wird ein neuesProdukt gekauft.

Die Flipflops sind jedoch Teil der Dau-erausstellung und nicht des Festivals. Siebefinden sich in Raum 4 Natur und Zivili-sation", in welchem es um die Verarbeitungvon in der Natur gefundenen Ressourcen in

Gebrauchsgegenstände geht. Heute neh-men wohl viele Menschen in Österreichnicht mehr an diesen Prozessen teil. Vieleher wandeln sie die Ressource Geld in diebenötigten Güter um. An den Flipflops ist zusehen, dass es geflüchteten Menschen andieser Ressource fehlt: Die Fußbekleidungmusste repariert werden, da in der Grund-versorgung nur sehr wenig Geld zur Verfü-gung steht.

Am Ende des Textes möchte ich meineeigene Irritation bei der Entdeckung desObjekts reflektieren: Die rot- blauen Flipflopsbrachen meine Erwartungshaltung. Ich gingdavon aus, dass in der Dauerausstellung vorallem alte Gegenstände zu finden seien,die etwas mit der Geschichte der in undum Österreich lebenden Menschen zu tunhaben. Neue Gegenstände, so unerwartet sieauch sind, stellen eine Verbindung zwischengestern und heute her. Bei der Interventiongeht es jedoch um noch etwas anderes:Mit der Auswahl der ausgestellten Objektetreffen Institutionen wie das Volkskundemu-seum Wien Entscheidungen darüber, werzu der österreichischen Bevölkerung gehörtund wer von dieser ausgeschlossen wird:,, Wer nicht erforscht wird, kommt nicht vor."Mit der Entscheidung, auch Objekte auszu-stellen, die vom Leben der Menschen auf derFlucht erzählen, kommen diese vor und wer-den sichtbar: Sie sind ein Teil von Österreich.

Sarah K. Eisenprobst,Volontärin