1/2021
Lieblingsobjekt
,, 1052 A". Kann das einLieblingsobjekt sein?
Ein Lieblingsobjekt stellt eine emotionaleVerbindung her zwischen dem/ derAuswählenden, in diesem Fall mir, undder Sammlung. Es spricht mich an, weilich eigene Erinnerungen damit verbinde,eigene Geschichte( n) dazu habe. Aber auch,weil ich es wichtig finde, gerade diesesObjekt und seine Geschichten zu teilen:seine eigene Geschichte, die Geschichteder Menschen, die an seiner Entwicklungbeteiligt waren oder die Geschichte, wiedas Objekt ins Museum kam.
Mein aktuelles Lieblingsobjekt ist„ 1052A", eine Ansichtskarte aus dem Jahr 1909,die ich in einer Kiste noch ungeordneterObjekte entdeckte. Der knappe Eintrag imInventarbuch: 1052 Ansichtskarte öffent-liche Gartenanlagen, Irland". Nichts überden Absender oder Empfänger, geschweigedenn den Text. Auch zeigt sich bald, dasses kein Park in Irland ist, sondern dass die,, Victoria Gardens" in Neath, Wales, GBabgebildet sind. Schnell bin ich gebannt,denke zurück an meine eigenen Jahre inGroßbritannien, an die Greens/ Commonsdort, an das eigene Kartenschreibenzwischen der Insel" und dem europäischenFestland. Ich mag es, wenn Datum und Ortauf die Karte geschrieben werden, denndadurch gibt es Raum für Geschichte( n):Wann hat wer was und wo getan? Gibt esweitere Anhaltspunkte? Handschrift, dieUnterschrift, den Empfänger, seine Adresse,die Botschaft, das Erkundigen nach demWohlbefinden, den Gruß. In diesem Fallwaren der Absender Rudolf Trebitsch undder Empfänger Michael Haberlandt.
Dem Rätsel auf der Spur, wende ich michan Elisabeth Egger, Spezialistin für Rudolf
Trebitsch( 1876-1918, Arzt und Ethnologe).Ein besonderer Fund: ein bisher unbekann-tes Autograph von Trebitsch. Begeisterungauch bei ihr über die Geschichten, dieauf diesem Kärtchen erzählt und die zueiner Revision dreier Objekte in der Samm-lung und der Korrektur der Provenienzführen werden.
21/ VII.09
Auf dem Weg zum Coracle, und high hatSehr geehrter Herr Docent!
Bitte, mir gelegentlich an meine WienerWohnung Nachricht zu senden, wie dieSache mit dem bretonischen Zimmer steht.Ergebenste EmpfehlungenDrRudolfTrebitsch
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Trebitsch bereiste im Sommer 1909 Wales,die Isle of Man und Schottland, um Auf-nahmen für das Phonogrammarchiv inWien anzufertigen. Sein Arbeitsaufenthaltin Wales startete am 19. Juli in Aberdareim Süden. Am übernächsten Tag, auf derWeiterreise nach dem nordwestlich gelege-nen Llandysul, hatte er Neath gestreift unddie Ansichtskarte an Michael Haberlandtverfasst. Er kündigte an, dass er sich zweiObjekten einem Boot namens Coracleund einem Hut- nähert. Da Trebitschbereits 1907 Wales besucht hatte, wussteer offenbar, wo er was für die europäischenVergleichssammlungen im Wiener Museumbeschaffen konnte und sollte. Das„ Coracle"ist ein kleines kielloses Boot, das in Binnen-gewässern zum Fischen verwendet wird.Und der high hat" ist ein walisischer Hut( Welsh hat bzw. Het Gymreig) mit breitergerader Krempe und hohem konischenKopfteil, der von Frauen getragen wurde.Die beiden Objekte finden sich gemeinsammit einem Modell eines Coracle unter denNummern 23.119 bis 23.121 im Inventarbuch
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