Heft 
H. 5+6
Seite
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LIEBLINGSOBJEKT

Ein Badeanzug für Damen

Mein Lieblingsobjekt ist ein Badeanzug fürDamen, der in der ersten Hälfte des 20. Jahr-hunderts von einer Leobener Schneiderin ausBaumwollstoff maßgeschneidert wurde. Er istärmellos, weiß mit blauen, gepunkteten Besatz-streifen und mit weiten, langen Hosenbeinen,die bis zu den Knöcheln reichen. Die Rückenan-sicht ist offen, der Badeanzug ist hier mit einemKunststoffring versehen, der den Stoff sternför-mig bündelt. Das Objekt ist ein Neuzugang ausdem Jahr 2014 und trägt die InventarnummerÖMV/ 87.091.

Kleidung ist weitaus mehr als eine reine Bede-ckung des Körpers. Sie kann weltanschauliche

Überzeugungen sowie Zugehörigkeiten zueiner Gesellschaft oder zu einer Gruppeausdrücken. Kleidung verändert sich mit dengesellschaftlichen Gegebenheiten. So gabes jahrhundertelang in Europa strenge Klei-dungsvorschriften für Männer und besondersfür Frauen. Mit der Zeit haben sie sich jedochaufgelöst. Vor allem die neu gewonnenen Frei-heiten der Frauen schienen sich auch in derWahl der Bekleidung widerzuspiegeln. Beson-ders augenscheinlich sind die Veränderungen,die sich im Laufe des vorigen Jahrhunderts inder Bademode zeigten! Während Frauen langeZeit im vorigen Jahrhundert beim Schwim-men noch langärmelige, mit langen Hosen-beinen versehene Badeanzüge trugen, wurdeim Laufe der Zeit die Badebekleidung stetigkürzer. Vom weiten Ganzkörperbadeanzug bishin zum knappen Bikini, die Veränderungenin der Bademode erzählen von einem verän-derten Körperbewusstsein und einem gesell-schaftlichen Wandel.

Ich habe diesen Badeanzug aus zwei Gründenals Lieblingsobjekt ausgewählt: zum einen, weiler mit den langen Hosenbeinen, dem halbof-fenen Rückenausschnitt und dem gepunkte-ten Muster eine Ästhetik verkörpert, die michanspricht. Zum anderen ist er ein Zeugnis desWandels von Moralvorstellungen. Mir stelltsich hier auch die Frage, ob der Wandel inder Bekleidung tatsächlich der Spiegel neuerFreiheiten ist oder bloßer Ausdruck einer reinäußerlichen Veränderung und einer neuenOberflächlichkeit.

Florentine Schmalhaus

Volontärin am Volkskundemuseum Wien

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51. Jahrgang