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Aus gegebenem Anlass – Heimat auf Plakaten
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Es ist vorderhand naheliegend, gleich an Volks-kundemuseen zu denken, wenn das Wort,, Heimat" auftaucht. Diese Museen werden oftals Orte gedacht, an denen sich Heimat mate-rialisiert: Dinge, die wir abgelegt oder zurück-gelassen haben, um sie bei Bedarf wieder zumZweck der Selbstvergewisserung zu heben.
Heimat ist jedoch ein historisch gewachsenesKonstrukt aus vielen Parametern und für vieleZwecke.
Unser allgemeines Verständnis von„ Heimat"ist ein Erbe der Entwicklung einer bürgerlichenGesellschaft zum Ende des 18. Jahrhunderts,stilisiert als Wunsch- Ort, von Sehnsüchtengetragen und Verlustängste kompensierend.Das Problem mit der„ Heimat” liegt darin, dassihr„ Kultur" und„ Identität“ eingeschriebenwerden, beides Begriffe, die dazu dienen, das,, Fremde" vom vermeintlich„ Eigenen" abzu-grenzen und somit Menschen auszuschließen.Kultur und Identitätsbildung sind dem gegen-über als dynamische Prozesse zu verstehen,die stets Veränderung in sich tragen. VieleMenschen könnten leichter und angstfreierleben, würden sie sich diesem Faktum stellen.
Die gedachte Heimat vermittelt ein Gefühl:Es wird zu einem großen Teil von Wohlfahrt,Gewohnheit, Sicherheit und kollektiver Erinne-rung getragen.
Auf diesem Gefühl basieren einerseits Erfol-ge verschiedenartiger coffee table Literaturzum Thema„ Besser leben", andererseits undoftmals in der Umkehrung des Gefühls – nämlichangedrohter Wohlstandsverlust, Veränderung,
Angst und Fremdheit- politische Rezepturenzur Stimmenmaximierung.
Sehr lange wurde der Heimatbegriff ausschließ-lich dem rechtspopulistischen Lager überlassen,erst vor kurzem brachten die Grünen„ Heimat"in ihre Wahlstrategie ein. Die anderen Parteienfügen sich irgendwo dazwischen ein.
In den Kulturwissenschaften ist„, Heimat" schonlange Verhandlungsgegenstand, verblieb abermehr oder weniger im wissenschaftlichenGelände.
Nunmehr ist ,, Heimat" plötzlich eine politischeDiskursware mehrerer Anbieter geworden. Baldwird es darum gehen, wem der Begriff gehört.Es sind weitere Polarisierungen zu erwarten, dieAngstkatalysatoren sind allgegenwärtig. Dabeiwird oft übersehen, dass Menschen mehre-re Zugehörigkeiten haben, gerade Österreichblickt auf eine lange Migrationsgeschichtezurück.
Ein Volkskundemuseum wie wir es verstehen, istnicht nur ein Archiv, wie übrigens jedes Museumprimär eines ist. Vielmehr ist es ein Verhand-lungsort kultureller Dynamik, ein Ort der Analy-se von gesellschaftlichen Prozessen- ob rezentoder historisch, mit allen Brüchen, Trends,Konflikten und Errungenschaften einer sich stetsverändernden Gesellschaft.
Matthias Beitl,
Direktor Volkskundemuseum Wien
Dieses Statement ist eine Meinung aufBasis des Papiers des ÖsterreichischenFachverbandes für Volkskunde, online aufwww.volkskundemuseum.at.
Mai- September 2016
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