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Eine kurze Geschichte der Unterwäsche in der Sowjetunion
bleiben sollte. Der allgemeine Verzicht auf die warmeUnterhose schuf den Frauen selbst einige Jahre spätergroße Probleme. Die Gynäkologen begannen, sich Sorgenzu machen und schlugen Alarm. Aber sogar die Sorge umdie eigene Gesundheit konnte die jungen Frauen nichtmehr zwingen, flieder- oder salatfarbige Schlüpferanzuziehen, die seit dieser Zeit allerdings auch ihrenschlechten Ruf haben. Die Mini- Mode brachte im Westendie Strumpfhose hervor, die lange Zeit in der Sowjetunionunbekannt blieb. Erste Strumpfhosen, aus dem Auslandmitgebracht oder von ausländischen Freunden
geschenkt, machten echte Furore. In den Instituten undInstitutionen arbeitete dann niemand, alle liefen auf dieDamentoiletten, um das Wunder zu sehen:» Strümpfe mitUnterhose<<. Die Wortverbindung selbst brachte die Leuteauf die Idee, wie das Problem, daß man dieseStrumpfhosen nirgends kaufen konnte, zu lösen sei. Dengewöhnlichen Unterhosen nähte man Strümpfe ausCapron an. Die Strumpfhosen bewahrte man wie einst dieCapronstrümpfe. Zerrissen die Strumpfhosen, warf mansie nicht weg, sondern nähte sie sorgfältig wieder zu. Werdas konnte, machte es selbst, hierfür lieferte man ab undzu aus dem Baltikum Spezialhaken zum Aufnehmen derMaschen. Wer es nicht selber machen konnte, gab dieStrumpfhose in den Strickateliers ab. Mitte der 1970erJahre waren viele wieder bereit, ihre Schönheit zu opfernund doch wieder Woll- oder Baumwollstrümpfe zu tragen,aber auch die gab es da im Handel nicht mehr. DieKönner kauften Kinderstrumpfhosen und ließen dieHälfte der Maschen fallen, damit sich die Länge derStrickwaren durch Dehnung vergrößerte, und sieErwachsenen paẞten.
Die Veränderungen zur Zeit des Tauwetters betrafenauch die Herrenunterwäsche. In dieser Zeit importierteman elastische Badeanzüge für Damen und
Herrenbadehosen. Die breiten Satinshorts, in welchen
früher viele ruhig am Strand entlang marschierten,wirkten nun plötzlich plump und lächerlich. Damalserschien der Ausdruck» Familienunterhose<<. Damit warenHosen gemeint, die eher für den Hausgebrauch geeignetwaren. Gleichzeitig verzichteten immer mehr auf langeHerrenunterhosen. Die billigen und auch für die Jugenderschwinglichen Nesselunterhosen waren nicht vereinbarmit Röhrenhosen, unter denen sich die verräterischenSchnürbänder abzeichnen konnten. Unterhosen ausWirkwaren konnte man hingegen kaum finden, sie warenauch teuer. Wie im Fall mit den Damenschlüpfern ließdas Klima, das in den weitesten Teilen des Landesherrscht, die Idee der warmen Unterhose jedoch nichtverschwinden. Man versuchte nur, für deren traditionelleErscheinungsformen einen adäquaten Ersatz zu finden.Junge Männer entdeckten für sich dunkelblaueJogginghosen- dank ihrer Farbe fielen sie nicht so auf.
Sozialistischer Handel und Werbung
Im Juli 1917, nach einer übermäßigenPreissteigerung, stellte das damals einzige PetrograderFachmagazin für» Unterwäsche und Stickerei<< seinErscheinen ein. Noch kurz zuvor empfahl es den DamenModelle eleganter Leibchen, Schlüpfer und Hemdennamens>> Empire« mit irischer oder Valencienner Spitzen.Mit dem Magazin verschwand erst einmal jedeInformation und Werbung über modische Unterwäsche. Inden 1920er Jahren verbreitete sich dazu die Theorie,nach der sowjetische Hersteller keine Werbung betreibenmüßten:» Bei uns sind solche Kniffe überflüssig. Siewerden nur von wütender Konkurrenz auf kapitalistischenMärkten diktiert«<, bemerkte man in einer anderenFachzeitschrift. Darüber hinaus verurteilte man sogardas Streben, auf irgendeine Weise originelle Produkte zu