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Ekaterina Degot
Vom Genuß zum Genossen
Zu einer Ästhetik jenseits von Markt und Ware
Im Jahre 1925 gelangte der hervorragende sowjetischeKünstler Alexander Rodtschenko zum ersten und letzenMal seines Lebens ins Ausland. Es war nicht das gemeineAusland, es war das legendäre Paris- heute wie damalsParadies und gleichzeitig Hölle für frischgebackeneKonsumenten. Ungeachtet der Tatsache, daß Rodtschenkoins Ausland gekommen war, um auf der» InternationalenAusstellung angewandter Kunst und Industrie<< zu arbeiten,haben Einkäufe und Eindrücke von den Geschäftenunerwartet viel Platz in seinem Pariser Lebeneingenommen. Das ist den Briefen an seine Frau WarwaraStepanowa zu entnehmen. Im Laufe einiger Monate, die erin Paris verbringt, besucht Rodtschenko ständig undwiederholt die Geschäfte, begutachtet das Angebot,erkundigt sich nach den Preisen und macht Einkäufe fürHaushalt, Familie und Freunde. Auf seiner Einkaufslistenehmen- neben den für die Arbeit benötigtenFotoausrüstungen- vor allem Kleidung und Wäsche denwichtigsten Platz ein. Insbesondere kauft er für sich eineMenge gestärkter Kragen( mit großem Widerwillen, da erdiesen Teil der Garderobe normalerweise nicht trägt) undfür seine Frau das, was später alle Bürger der UdSSR vonihren Auslandsdienstreisen mitbringen werden: einenGummi- Strumpfhalter und sechs Paar Strümpfe.[ Rodtschenko, 161].
Rodtschenkos Briefe aus Paris sind ein verblüffendesmenschliches Dokument. Sie zeugen von der Prüfung,durch die in der Folge viele sowjetische und alle
>> exsowjetischen<< Bürger gingen: Der erste Zusammenstoßmit dem Konsum, der durch das absolute Fehlen vonFremdsprachenkenntnissen verschärft wurde. DieserUmstand filtert in einem bestimmten Sinn RodtschenkosEindruck vom Westen. Er destilliert den Drang zumKonsum- aus der Position eines sprachlosen Menschen-und deckt damit den Kern der Sache auf: Der Konsumersetzt die Kommunikation. Rodtschenko ist erschlagen