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Körpergedächtnis : Unterwäsche einer sowjetischen Epoche ; [eine Ausstellung des Österreichischen Museums für Volkskunde in Wien ... ; 20. März bis 3. August 2003] = Pamjat′ tela : nižnee bel′e sovetskoj ėpochi
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Abschied von der Vergangenheit

Die Ausstellung» Körpergedächtnis<< blickt,von hier und jetzt auf die sowjetischeEpoche zurück. Dabei werden nicht diePerspektiven der Macht, der Ideologie undder Politik rekonstruiert, sondern diePerspektive des gewöhnlichen Menschen.Und was sehen wir, wenn wir unter denRock schauen, wenn nicht Unterwäsche?Indem wir die Unterwäsche zeigen, zerrenwir aber nicht nur die» Schmutzwäsche« derUdSSR ans Tageslicht, sondern wir zeigenauch die intime, menschliche Seitesowjetischer Alltäglichkeit. Die Unterwäscheist schließlich die letzte Grenze zwischender Persönlichkeit und der Gesellschaft.Gerade in der UdSSR war diese Grenzebesonders durchlässig. Uns scheint, dassdie sowjetische Zivilisation auch insofernerforschenswert ist. Sie soll nicht nur überihre Ideologie oder die Formen der Machtidentifiziert werden. In erster Liniebestimmt das Wirtschaftsleben und der ausdem Wirtschaftsleben folgende Alltag diePsyche der Menschen. Die historischeinmaligen wirtschaftlichen Bedingungen,die in der UdSSR geschaffen worden waren,ähnelten nicht der globalisierten Kultur deskommerziellen Handelns und ihrer KinderJeans und Coca- Cola. Heute hat diese Weltsich durchgesetzt, damals war die Hälfteder Welt aber ohne Markt und ohneWerbung. Die Sachen, wie man meinte,sollten den Bedürfnissen des Menschendienen und ihn nicht belügen. Der typischesowjetische Gegenstand war stabil, wareinfach, war in allen Beziehungen» warm«<,

aber er wollte nicht und konnte nichtgefallen. Die Versuche der Hersteller, ihmirgendeine Anziehungskraft zu verleihen,sahen komisch und rührend aus. Dies giltzuerst und vor allem aus der Sicht dererfahrenen Käufer von heute. Der» sowjetische Gegenstand« ist aber entgegender allgemein verbreiteten Ansicht kein