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Julia Demidenko
Eine kurze Geschichte der Unterwäsche in der Sowjetunion
Die modischen Veränderungen der Wäsche hängen mitder generellen Linie der Modeentwicklung zusammen. DerVerzicht auf Korsett und Unterröcke sowie die Verkürzungknielanger Damenschlüpfer um die Wende der 1910er-20er Jahre sind zum Beispiel mit der Entstehung der neuenengen Schnittsilhouette und mit der merklichenVerkürzung des Frauenkleides verbunden. In den 1950erJahren wurden Korsett, Mieder(» Grazien«) und neueKonstruktionen von Büstenhaltern verbreitet- die Wäschesollte dem Leib die Form verleihen, die dem bekannten>> New- Look<< von Christian Dior am besten entsprach. In den1960er Jahren provozierten die ultrakurzen Miniröcke dasAufkommen kleiner Slips...
So war es auf der ganzen Welt, aber in der UdSSR liefalles anders. Die von den Konstruktivisten gelieferte Ideevom prinzipiellen Unterschied des sowjetischen Anzugeszum westlichen, der Mode unterworfenen Anzug, zeigtesich als sehr lebensfähig:» Schlicht, hygienisch,zweckmäßig, der arbeitsintensiven Lebensweiseentsprechend und gleichzeitig frisch und markantdekorativ- so lauten unsere sowjetischen Losungen aufdem Gebiet der äußerlichen Verschönerung, die uns vomrestlichen Europa unterscheiden, welches sich bei seinemganzen Fortschritt von den ungesunden Moden deraussterbenden bürgerlichen Kultur ernährt«<, schrieb J.Tugendhold in seinem Vorwort für den bekannten Katalog>> Die Kunst im Alltag von 1923.
>> Unsere Kleidung soll ihren eigenen sowjetischen Stilhaben. Sie soll sich immer durch Natürlichkeit,Schlichtheit und Nützlichkeit von anderen unterscheiden<<,- behauptete man auch noch in den 60er Jahren. DieUnterwäsche der sozialistischen Epoche, ihre Herstellung,ihr Verbrauch hingen nicht nur von der Mode ab, sondernauch von ideologischen Klischees. Sie hingen von denpolitischen Zielen des Staates und von der Reihenfolgedieser oder jener bevorstehenden Wirtschaftsaufgabe ab.