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Evolution der Unterwäsche- Revolution der Sitten
Die Revolutionsereignisse von 1917 haben bei derVereinfachung der Unterwäsche eine nicht unerheblicheRolle gespielt. Im Laufe einiger Jahre ist sie den Weg vonder Raffinesse des Damennegligés und von derKomplexität der Herrenausstattung zur strengen Askeseder Unisexwäsche gegangen, die der Sportwäschegleichgestellt wurde; von der feinen Sinnlichkeit der ver-schleierten Entblößung zur einfachen Minimalisierungbekleideter Neutralität. Diese Veränderungen lassen sichnur teilweise durch die mehrjährigen Reformbemühungenum die Kleidung erklären. Weder die Ratschläge derHygieniker noch die kühnen Modelle von Poiret oder Bakst,weder die Tänze von Isidora Duncan noch die Bewegungder Naturliebhaber konnten die Damen zwingen, auf dasKorsett zu verzichten. Das hat nur die Revolution geschafft.Nach der Erinnerung von Irina Odoewzewa wurden inden ersten Jahren nach der Revolution auf den Floh-märkten Smokings, Abendkleider und Korsette amschlechtesten verkauft. Die verarmte Stadtbevölkerungsuchte sich entweder von dem zu verabschieden, wasnicht notwendig oder, was nicht zu sehen war. Wenn aberdie Unterröcke mit Besatz und die Spitzenpantalons gernevon Bäuerinnen gekauft wurden, die es fertigbrachten, ausihnen elegante Blusen zu nähen, so waren Nutz und Wertdes Korsetts im Haushalt mehr als fragwürdig. Mit demÜberfluß und Prunk der Damenwäsche war auf solcheWeise bald Schluß gemacht. Mit dem der Herrenwäscheebenso: Die alte verschliẞ, neue gab es nicht. Das zeigt aufeindrucksvolle Weise eine Episode mit Amphiteatrow( Poetund Kritiker), der 1920 bei einem Bankett im Haus derKünste dem lässigen H.G. Wells seine schmutzigen Fetzen,>> die irgendwann Unterwäsche genannt wurden am Leibvorgeführt hat.
Aber die modische Tendenz um die Wende der 1910er
- 1920er Jahre, die Wäsche immer weiter zu reduzieren,hatte nicht allein wirtschaftliche Ursachen- sie war direktmit der Veränderung der Sitten verbunden. Die neueStrömung der Entblößung fand ihren radikalsten Ausdruckin der Bewegung>> Nieder mit der Scham<! Zur charakter-istischen Losung der neuen Epoche wurden die bekanntenZeilen von Majakowskij:>> Keine Kleidung ist schönergebaut als das Bronze der Muskeln und die Frische derHaut<<.
Mit dem Abschied von dünnen Batistmiedern undUnterröcken verloren auch die erotischen Beziehungen anGeheimnis und den Charakter einer Affäre. Mit den geradegenähten kurzen Unterhemden und den gekürztenPantalons ist die Theorie» von dem Glas Wasser«, d.h. derFreiheit der Scheidung und der vereinfachten Ehebezie-hungen entstanden.
Die Praxis der öffentlichen Bloẞstellung( in Sportsta-dien im wortwörtlichen Sinne bis auf die Unterhose und inden Partei- und Komsomolversammlungen im übertragenenSinne in der Form von Selbstkritik, Berichten aus demPrivatleben und Reuebekundungen) wurde ziemlich präzisin der Literatur und in der Stadtfolklore der damaligen Jahrefestgehalten. Bürgerinnen und Bürger in langen Unterhosenund Pantalons spazieren auf den Seiten der Romane vonBulgakow, Ilf und Petrow umher. In einem der Liedtexte derdamaligen Zeit trifft man zum Beispiel lauter Gegenständeder Damenunterbekleidung; eine gewisse Tante Nadjaschaut der Parade bald» in warmen Flauschhosen«<, bald» inStrümpfen aus Frottee« zu. Die unterschiedlichen Inter-pretationen und Liedversionen, die es gab, hingen wahr-scheinlich nur von dem individuellen Wäschegeschmack desSängers ab. Das Sujet eines anderen Liedes handelt voneinem Helden, aus dessen Wohnung nach der Bekannt-schaft mit einer schönen Dame» drei Atlasdecken, eine Uhrvon, Moser' und schließlich die Sporthose<< verschwinden.Im letzten Fall ist die Sporthose bereits zum Statussymbol