Druckschrift 
Körpergedächtnis : Unterwäsche einer sowjetischen Epoche ; [eine Ausstellung des Österreichischen Museums für Volkskunde in Wien ... ; 20. März bis 3. August 2003] = Pamjat′ tela : nižnee bel′e sovetskoj ėpochi
Entstehung
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sollen den Status gleichberechtigter Subjekte erhalten. Sofordert man in der radikalen Bewegung der ökologischenpolitischen Korrektheit tatsächlich Rechte fürMilchprodukte und Holz. Das Problem der Emanzipationbeiseite lassend, stellen wir uns die Frage: Was ist einGebrauchsgegenstand, der seinen Objektcharakterverloren hat? Was ist der Gebrauchsgegenstand alsPerson?

Das ist eben der sowjetische Gegenstand in seinertatsächlichen Erscheinung. So, wie wir ihn kennen, nicht inForm von GOST- Abstraktionen, nicht in der Form des imLaden erhältlichen Sortiments, sondern als Teil desheimischen Alltagslebens. So ein Gegenstand ist inhöchstem Maße auf den realen Konsumentenausgerichtet: Kleider, deren Seiten abgenäht sind;eingelaufene Schuhe; Stromzähler, die so manipuliertwurden, daß sie sich rückwärts drehen. Gemeint istinsbesondere das, was zu Hause angefertigt wurde, sei esschäumende Marmelade, handgestrickte Pullover oderselbstgezimmerte Bücherregale. Den Löwenanteilsowjetischer Gegenstände bildeten jene umgearbeitetenSachen, zu deren Herstellung zahlreiche Zeitschriften( wiez.B.>> Wissenschaft und Leben«) damals aufriefen. Aus denZeitschriften konnte man auch erfahren, welchen Nutzenman noch aus alten Radreifen oder abgenutztenZahnbürsten ziehen könnte. Solche Sachen sind in ersterLinie nicht standardisiert, sie sind persönlich und folglichsubjektiv. Gerade solche Produkte, nicht aber dieabstrakten neuen Produkte der Sowjetindustrie, bildetendas alltägliche Haushaltsmilieu der Bürger der UdSSR.

Die sowjetische Zivilisation brachte daher, entgegender Klischees aus den Zeiten des Kalten Krieges, keineVereinheitlichung und keinen Standard. Sie produzierte imGegenteil lauter individuelle Abweichungen vom Standard.Die sowjetische Zivilisation zeichnet sich nicht durchGemeinschaftlichkeit aus, sondern im Gegenteil durch das

Primat des Privaten über das Gesellschaftliche, dies imübrigen bei großer wechselseitiger Abhängigkeit beiderBereiche. Die sowjetische Wirtschaft kann, ebenso wie dieKultur, nur als Komplex offizieller und inoffiziellerSegmente verstanden werden. Die ungeheuerliche>> Qualität<< der industriellen Konserven wurde auf derGegenseite von der meisterlichen Kunst privaterGurkeneinleger begleitet; Ausländer waren immer darübererstaunt, wie gut sie bei den Menschen zu Hause und wieschlecht sie in den Selbstbedienungslokalen essenkonnten. Dabei waren das zwei Faktoren, die sichgegenseitig bedingten: erhöhte man die Qualität inKantinen und Gaststätten, so senkte man damit schnelldie Qualität am heimischen Herd, in jedem Fall kam esdann zu einer rapiden Abnahme des Warenangebotes fürden privaten Markt.

Das Dilemma» offiziell/ inoffiziell«<, das die ganzesowjetische Wirtschaft und Kultur durchdrang undstrukturierte, verschleierte ein anderes Dilemma, auf demdie kapitalistische Gesellschaft basiert: das Dilemmazwischen» männlich/ weiblich«<. Damit ist dieGegenüberstellung vom Mann als einem Sexualsubjektund der Frau als einem Sexualobjekt gemeint, eineGegenüberstellung, die im 19. Jahrhundert in derpatriarchalischen Kultur entstand und die in der UdSSRfast vernichtet wurde. Die Unterscheidung» Subjekt/Objekt<< negierend, verkündete die sowjetische Gesell-schaft den totalen Subjektcharakter ihrer Mitglieder, dieGleichheit aller vor allen, einschließlich der Frauen, Kinderund Dinge. Dieser humanistische Plan zeigte sich alsUtopie: In der Praxis bedeutete der so beschriebene>> Unisex«<, daß alle Subjekte Objekte des Staates waren. Diesog. freie Frau in der UdSSR unterlag der Macht. Bestensist das in einem späten Film von Rodtschenkos GefährtenDziga Wertow(» Wiegenlied«<, 1939) veranschaulicht: Indem riesigen Harem sowjetischer Frauen gibt es nur einen