Druckschrift 
Körpergedächtnis : Unterwäsche einer sowjetischen Epoche ; [eine Ausstellung des Österreichischen Museums für Volkskunde in Wien ... ; 20. März bis 3. August 2003] = Pamjat′ tela : nižnee bel′e sovetskoj ėpochi
Entstehung
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Vom Genuß zum Genossen

Die Antwort besteht darin, daß das sozialistischeProdukt vom Standpunkt der sowjetischen Ästhetikdamaliger Zeit, den Rodtschenko teilte und sogar invielem bestimmt hat, dem westlichen, absichtsvollflirtenden Appeal des Produktes nicht die Askese, sondernden ehrlichen Appell zum Kauf entgegensetzte. Diestaatliche Sowjetwerbung( nicht die private der NEP³)-mit der sich die Gruppe LEF und u.a. auch Rodtschenkobeschäftigte- ruft direkt und ein wenig naiv:>> Kauf!<<Ebenso flirtverachtend benimmt sich auch die Frau desKonstruktivismus, so wie sich ihr Bild durch dieSportkleidungsskizzen von Stepanowa und auf deninszenierten Photos dieser Anzüge von Rodtschenkoeinprägte. Die Frau steht breitbeinig, in offensichtlichsexueller Pose, dabei ohne jede Spur des Kokettierens, mitehrlichem und direktem Appell. Sie schließt dieMöglichkeit, gekauft zu werden aus, indem siebeiderseitiges Einverständnis fordert.

Das sowjetische Produkt wurde von den sowjetischenKonstruktivisten als das vergegenständlichte eindeutige»> Ja<«< betrachtet, als jenes positive Verhalten zur Welt, jeneszum Menschen strebende, sich ehrlich zeigende Wesen,das der Theoretiker des Konstruktivismus, Alexej Gann, mitdem Wort» Tektonik bezeichnete.

Heute erscheint uns dieses» Ja« der sowjetischen Warenaiv und einfältig. Aluminiumtöpfe, flauschigeMorgenröcke und zusammenklappbare Sofas kokettierennicht mit uns. Den Zimmermädchen in den Sowjethotelsähnlich, dienen sie uns zwar immer noch und da dieseaußer Konkurrenz putzen, wollen sie nicht darum buhlen,uns zu gefallen. Ebenso unbesorgt um ihren Status ist diefür uns gefertigte Haushaltsware. Wenn auch derGegenstand nicht besonders schön ist, so scheint er unsdoch so. Und uns droht keine Scheidung von ihm.

Die Ware der Sowjetunion findet also ihre Grundlageund Gestalt in der Vermutung, daß sie schon gefallen werde,

daß sie unter ihresgleichen sei und daß der Mensch demMenschen kein Wolf sei. Wie die ganze sowjetischeÄsthetik, Ethik und Gesellschaftsordnung, so wirkt einesolche Ware nur unter der Voraussetzung, daß zuvorGemeinsamkeiten unter den Menschen geschaffenwurden, und nur, soweit der Rahmen eines allgemeinenKonsenses reicht. Außerhalb davon wird ihre Reizkraftblitzschnell zerstört. Ob solche Gemeinsamkeiten inWirklichkeit, wenn auch nicht lange( ca. 1920er- 1930erJahre), existierten, ist strittig. Offensichtlich aber ist, daßes damals und später einen starken Druck gab, um dieseGemeinsamkeiten zu erzwingen bzw. aufrechtzuerhalten.Dafür wurden nahezu alle wirtschaftlichen, moralischenund intellektuellen Ressourcen der sowjetischen Machtverbraucht.

Wenn die Macht auch nie müde wurde,Gemeinsamkeiten in Staatsordnung, Gesellschaftsordnungund sogar in der Kultur repressiv zu erzwingen, so reichtenihre Kräfte jedoch schon nicht mehr, den Konsumanzukurbeln. Die Bevölkerung der UdSSR hatte baldaufgehört, einmütiger Konsument zu sein, wenn sieüberhaupt irgendwann einmal einer war. Bis zu Beginn der1970er Jahre hin wandelten sich die einheimischenProdukte zu einsamen, ungebrauchten und ungeliebtenDingen.

>> Die Waren werden Genossen<<

Rodtschenko vergleicht die Frau mit einemGegenstand, wenn er meint, beide müßten sich von demStatus als Sache befreien. Es klingt paradox.Rodtschenkos Position erinnert an das utopischeProgramm der heutigen politischen Korrektheit in deramerikanischen Variante. Die Lage des Objekts müsseman ganz vernichten; alle Menschen und Gegenstände